Andreas Eschbach über die Zukunft des Internet

Andreas Eschbach, ohne Zweifel einer der bedeutendsten Vertreter der deutschsprachigen Science Fiction, äußert sich in das „Das Buch von der Zukunft“ in einem Kapitel auch über „die künftige Gestalt des Internets“. Das Buch ist kein Roman, sondern eher ein Beitrag zur Zukunftsforschung. Da er vor seiner Karriere als Schriftsteller als Softwareentwickler und Geschäftsführer einer EDV-Beratungsfirma arbeitete, darf man von ihm einiges Interessantes zu diesem Thema erwarten.

Vieles von dem, was er in diesem Kapitel anspricht, hat man zwar schon mal woanders gelesen, allerdings vertritt er für einen Science-Fiction-Autor häufig eine ungewöhnliche, meist eher skeptische Position. Eingehen möchte ich hier nur auf einen Gedanken, der mir besonders interessant erschien. Eschbach ist der Ansicht, dass im Internet derzeit anarchische Zustände herrschen, was sich mit dessen zusehender Etablierung in unserem Alltagsleben ändern wird. Gemeint ist vor allem die Tatsache, dass wir heute im Internet weitgehend anonym operieren können.

Man hat sich daran gewöhnt zu glauben, Anonymität sei eine dem Internet eingebaute und quasi daraus nicht wegzudenkende Eigenschaft. Doch das stimmt nicht. Es war die plötzlich ansteigende Nachfrage nach Internetzugängen, die technische Kompromisslösungen notwendig machte, und diese führten nebenbei dazu, die Identität eines Benutzers zu verschleiern. Aus Versehen, sozusagen.

Eschbach liegt hier meiner Ansicht nach vollkommen richtig. Das wird einem klar, wenn man bedenkt, dass vor der Etablierung des Internet außerhalb des Hochschulbereichs bei Online-Diensten wie AOL, Compuserve oder Btx in Deutschland, Anwender bei allen ihren Aktivitäten weitgehend eindeutig identifizierbar waren. Technisch gesehen spricht nichts dagegen, diesen Zustand wieder herbeizuführen.

Eschbach denkt dabei an kommende PC-Generationen, die entsprechende Authentifizierungsmechanismen bereits eingebaut haben. Er geht zwar nicht auf Windows Vista ein, aber es ist klar, dass vermutlich schon wenige Jahre nach dessen Debüt so gut wie jeder PC über die technischen Voraussetzungen verfügen wird, um es seinem Benutzer zu ermöglichen, auf recht unkomplizierte Weise eindeutig gegenüber Dritten im Internet zu authentifizieren.

Die andere Frage ist natürlich, ob die Mehrheit der Internetnutzer diesen anarchischen Zustand überhaupt aufgeben will. Eschbach zieht hier eine interessante Parallele zu den Anfängen des Automobils. Ohne Führschein, ohne Kennzeichen und ohne Geschwindigkeitsbegrenzung konnte damals jeder, der es sich leisten konnte, sein Gefährt auf jedem passierbaren Weg bewegen. Heute sind diese Zustände freilich unvorstellbar und es ist durchaus denkbar, dass uns das heutige Internet einmal ebenso chaotisch erscheinen wird. Neben den Sicherheitsproblemen, die den Internetnutzern in den letzten Jahren zusehends zu schaffen gemacht haben, nennt Eschbach die fortschreitende Kommerzialisierung als einen wichtigen Grund, weshalb viele bereit sein werden, ihre Anonymität aufzugeben.

Er berücksichtigt meines Erachtens aber nicht, dass viele der gerade technisch versierten Internetnutzer solchen Bestrebungen äußerst skeptisch gegenüberstehen. Ich denke da zum Beispiel an weite Kreise der Open-Source-Szene, die vermutlich alles daran setzen werden, dass das „freie“ Internet im Wesentlichen so bleibt, wie wir es heute kennen. Hinzu kommt, dass internationale Abkommen notwendig sein werden, um einen ähnlich geregelten Zustand herbeizuführen wie etwa im Straßenverkehr.

Im Großen und Ganzen erscheinen mir Eschbachs Argumente, die ich hier nur in recht verkürzter Form wiedergeben habe, aber recht plausibel und in jedem Fall sehr lesenswert. Das gilt übrigens auch für die anderen Kapitel seines Buchs, wo es um spannende Themen wie Nanotechnologie, Gentechnik, Energie, Klimawandel und Bevölkerungsentwicklung geht.

Andreas Eschbach: Das Buch von der Zukunft

1 Kommentar

  1. Kommentar von Frank am 9.08.05 19:00:

    Ich teile die Ansicht, daß es vermehrt Bestrebungen geben wird die vorhandene Anonymität des einzelnen in der Masse im Internet aufzuheben. Gleichwohl teile ich ebenfalls die Ansicht, daß es sicherlich – gerade in der Open Source Community – viele geben wird, die solchen Versuchen gegenüber eine skeptische Haltung haben werden.

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    http://www.injelea.de/plog/blog.php/injelea/franks_tagebuch/2005/08/09/das_buch_der_zukunft
    (sorry, TB hat nicht funktioniert)