Über Sinn und Unsinn von offenen Web-Standards

Mal wieder ist ein Kommentar viel zu lang geworden. Dieser Text ist als Antwort auf Wolfgang Sommerguts Beitrag "Fast die Hälfte der RSS-Feeds ist ungültig" zu verstehen.

Ich denke, man muss das etwas differenzierter sehen. Natürlich dienen Standards der Interoperabilität und sind daher wichtig. Im Falle der von dir genannten "ungültigen" RSS-Feeds ist ja aber gerade die Interoperabilität nicht in Gefahr, denn kein RSS-Reader hat damit ein Problem.

Es gibt sicher viele Fälle, wo das Befolgen eines Standards unabdingbar ist. Die in deinem Kommentar erwähnten Eisenbahnschienen sind ein gutes Beispiel dafür. Hier macht es auch Sinn, international gültige Vereinbarungen zu treffen, die dann auch strikt befolgt werden müssen. Auch in der IT lassen sich dafür einige Beispiele finden. Allen voran sind hier die Netzwerkprotokolle zu nennen.

Weniger Sinn macht es, bei komplexen Sprachen, wie beispielsweise HTML, einen mehr oder weniger festzementierten Standard von einer Handvoll Bürokraten festlegen zu lassen. Dass hierdurch massiv Innovationen behindert werden, konnte man in den vergangenen Jahre recht gut beobachten. CSS ist ein gutes Beispiel. Der Standard ist schon mehrere Jahre alt und wird erst jetzt sehr zögerlich vom Markt angenommen. Unklar ist indes, ob er sich überhaupt jemals auf breiter Front durchsetzen wird. Mit einem proprietären Standard könnte man da schon erheblich weiter sein.

Wolfgang Miedls Vergleich zu natürlichen Sprachen finde ich sehr treffend. Auch hier hat man ja mit der Rechtschreibreform versucht, willkürlich einen Standard zu setzen. Mit dem Resultat, dass manche sich daran halten und andere nicht (z.B. FAZ). Bis dahin hatte die Duden-Redaktion die Oberaufsicht über die deutsche Sprache. Allerdings war die Vorgehensweise eine andere. Man hat die Entwicklung der Sprache beobachtet und danach die Regeln festgelegt. Das macht Sinn, denn so wird Entwicklung überhaupt erst möglich.

Ähnlich könnte man sich das bei komplexen Standards im Web vorstellen. Anstatt Standards am Reißbrett zu entwickeln und eigenmächtig von oben herab zu erlassen, sollte das W3C den Markt beobachten und daraus dann Regelwerke erstellen. Aufgrund seiner aktuellen Marktdominanz setzt der Internet Explorer hier einen De-Facto-Standard. Die Aufgabe des W3C wäre es, diesen zu dokumentieren und so anderen Browser-Herstellern die Unterstützung dieses Standards zu erleichtern. Durch Erweiterung des IE-Standards könnten sich die MS-Konkurrenten dann profilieren.

Aufgrund des dann entstehenden Wettbewerbs um den besten Standard, würde man auch wieder eine echte Weiterentwicklung sehen, so wie das noch der Fall war, als sich Netscape und Microsoft innerhalb kürzester Zeit mit Innovationen zu übertrumpfen versuchten. Seitdem das W3C die Fäden in der Hand hält, ist als einzig nennenswerte Innovation im Browsermarkt, das Tabbed-Browsing auszumachen. Und das reicht wohl nicht aus, um an der Dominanz des IE zu rütteln.

9 Kommentare

  1. Kommentar von Wolfgang am 26.07.04 22:10:

    Der IE kann kein Standard sein, weil es tatsächlich noch andere OSe gibt als Windows (wobei wir hier die Frage stellen müssten, welche Win-Version und welcher IE für welche Win-Version der „Standard“ ist).

    IMO ist Deine Argumentation ungefähr mit folgendem hypothetischen Ereignis zu vergleichen: Alle Kraftstoffhersteller entscheiden sich dafür, die Oktanzahl (oder eine andere Sprit-Spezifikation) für den Motor des VW Golf 1.6 zu optimieren, da der Golf 1.6 einfach das Standard-(= meist verbreitetste) Auto ist.

    Gehen wir doch einige Jährchen zurück, in die „glückselige“ Zeit der Homecomputer: Jeder Hersteller kochte sein eigenes Süppchen, von Zusammenspiel der unzähligen Plattformen war keine Rede. Erst als IBM seine PC-Architektur freigegeben hatte (vielleicht haben wir einen Computerhistoriker, der das genauer weiß), trat die Verbreitung der Rechner in den Haushalten ihren Siegeszug an und machte PCs erst „erschwinglich“.

    Die gleiche Situation sehe ich im Web. Mehrere Browser auf mehreren Betriebssystemen wollen eigentlich nur eins: Websites (oder RSS-Feeds oder …) vernünftig darstellen. Dazu benötigt man einfach Standards, sonst endete es im Chaos (z.B. à la „Flashplayer xy notwendig, sonst kannst du unsere wundervolle Site nicht betrachten“).

    Ob jetzt diese dogmatische Doctype-Gläubigkeit Sinn macht, ist wieder eine andere Frage (so verstehe ich z.B. nicht, weshalb es den Tag „center“ in XHTML nicht mehr geben darf – das heißt doch nur, dass der folgende Inhalt zentriert werden soll, mehr nicht).

  2. Kommentar von Wolfgang am 26.07.04 22:12:

    Und warum fuzen hier die Absätze nicht? Ah, eine proprietäre Blog-Software 😉

  3. Kommentar von Michael Pietroforte am 26.07.04 22:56:

    Der Vergleich mit dem IBM-PC gefällt mir. Dieser Standard musste sich erst auf dem Markt behaupten und wurde eben nicht von einigen Theoretikern willkürlich festgelegt. Die Konkurrenten von IBM bauten den Standard einfach nach. Ihre Geräte hießen IBM-kompatibel. Einer der Konkurrenten war Compaq, von dem IBM dann irgendwann überflügelt wurde. Danach sprach man von Industrie-Standard oder DOS-Kompatibel. Das zeigt, wie gut proprietäre Standards funktionieren können und dass keineswegs der Erfinder des Standards das Rennen machen muss.

    Natürlich kommt es hin und wieder zu Inkompatibilitäten. Die gibt es jetzt aber im Falle der Webbrowser ganz genauso. Es ist einfach vollkommen unrealistisch, dass sich alle an einen Standard halten. Bei proprietären Standards kommt es faktisch sehr viel seltener zu solchen Fällen. Bei PDF etwa gibt es in dieser Hinsicht meines Wissens recht wenig Probleme.

    Die Absätze funktionierten nicht, weil man dazu HTML-Tags setzen musste. Da Du nicht der Erste bist, der sich beschwert, habe ich das jetzt geändert.

  4. Kommentar von Wolfgang Sommergut am 27.07.04 15:25:

    Ein Missverständnis in deiner Polemik über Standardisierungsgremien besteht darin, dass angeblich irgendwelche Bürokraten den Leuten willkürliche Vorgaben machen wollen. Tatsächlich bestehen die Working Groups aber durchwegs aus Vertretern der Industrie, in der Regel aus Ingenieuren. Im Fall von CSS 2 sitzt da ein Herr namens Tantek Çelik von Microsoft im 4-köpfigen Team. Das hilft natürlich nicht viel, wenn nachher seine IE-Kollegen sich nicht drum kümmern.

    Ein großer Unterschied zwischen den offenen und den Industrie-Standards besteht im freien Zugang für Dritte. Eine W3C-Empfehlung oder einen ISO-Standard darf normalerweise jeder implementieren.

    So innovative Formate wie die XML-Schemata von Office 2003 sind hingegen geistiges Eigentum des betreffenden Herstellers und unterliegen möglichen patentrechtlichen Einschränkungen.

    Die von dir vorgesehene Aufgabe von Standardisierungsgremien, auf dem Markt erfolgreiche Technologien nachträglich zu dokumentieren und der Allgemeinheit zugänglich zu machen, hängt von der Kooperationsbereitschaft des Marktführers ab. Wenn er keine Lust dazu hat, dann knebelt er die Konkurrenz mit schlechter Dokumentation und kräftigen Lizenzgebühren.

  5. Kommentar von Michael Pietroforte am 28.07.04 22:30:

    Ich denke nicht, dass ich polemisiert habe. Es ist tatsächlich meine Auffassung und ich glaube, dass ich sie auch begründet habe. Vielleicht wird mein Standpunkt so noch etwas klarer:

    Ich habe in keinster Weise gegen die Arbeit von Standardisierungsgremien argumentiert. Standards sind in der IT von großer Bedeutung und die meisten Standardisierungsgremien machen ihre Sache ja sehr gut. Meine Kritik richtet sich gegen das W3C und gegen einen einheitlichen Web-Standard im Allgemeinen.

    Es ist mir natürlich bekannt, dass bei Standardisierungsverfahren des W3C Vertreter aus der Industrie maßgeblich beteiligt sind. Weder dies noch die Tatsache, dass es sich dabei um Ingenieure handelt, kann jedoch etwas daran ändern, dass es sich im Ergebnis um einen typisch bürokratischen Akt handelt.

    Der wesentliche Unterschied zwischen Web-Standards und anderen Standards in der IT ist, dass Erstere nicht nur für die Hersteller gelten sollen, sondern auch für einige Millionen Website-Betreiber. Die meisten Webmaster haben vermutlich noch nicht mal etwas vom W3C gehört. Das Erlassen eines komplexen, verbindlichen Regelsystems, dessen praktische Umsetzung so gut wie keine Aussicht auf Erfolg hat, ist Bürokratismus in seiner reinsten Form. Ich halte es für vollkommen unrealistisch, dass sich ein Standard auf diese Weise durchsetzen lässt.

    Man könnte nun argumentieren, dass sich die Hersteller und insbesondere Microsoft ja nur an die Vorgaben halten müssten und dass dann die Website-Betreiber ganz automatisch folgen würden. Doch auch diese Annahme ist naiv. Warum sollte etwa ein Browser-Hersteller sich strikt an die W3C-Vorgaben halten und nur noch W3C-validen Code akzeptieren? Die Folge wäre, dass die eigene Kundschaft auf Anhieb einen Großteil der Webseiten nicht mehr aufrufen könnte. Diese wären wohl zu Recht im höchsten Maße verärgert und würden zur Konkurrenz abwandern, die einen Browser im Programm hat, der er es nicht so genau nimmt mit dem rigiden W3C-Standard.

    Die Furcht vor Patenten ist im Falle von Web-Standards unbegründet. Konkurrenten können jederzeit mit einem eigenen Standard dagegenhalten. Es ist meiner Ansicht nach ein Irrglaube, dass dadurch die Interoperabilität leiden würde. Ein gutes Beispiel geben die im Internet gängigen Standards für Video-Formate ab. Die meisten Player unterstützen alle wichtigen Formate und notfalls lädt man halt die Anzeige-Software gleich mit herunter.

    Dem Anwender entsteht durch die Vielfalt kein Nachteil. Im Gegenteil, der harte Konkurrenzkampf hat sehr kurze Innovationszyklen zur Folge. Man stelle sich vor, dass W3C hätte auch da seine Finger maßgeblich mit im Spiel und würde auf die Verwendung eines einzigen Video-Standards pochen. Stillstand wäre da vorprogrammiert.

    Genau dieser Stillstand und vor allem aber die Tatsache, dass den Browserherstellern durch das W3C in Bezug auf die Setzung eigener Standards die Hände gebunden sind, unterstützt nun aber Microsofts Monopol im Browsermarkt. Denn wenn ich mit dem Internet Explorer genauso gut surfe, wie mit jedem anderen Webbrowser, warum sollte ich mir dann die Mühe machen, einer weiteren Browser zu installieren? Gäbe es einen einheitlichen Standard für Video- beziehungsweise Audio-Streaming, dann hätte in null Komma nichts der Media-Player ebenfalls einen Marktanteil von 95 Prozent. So aber kann sich Real recht gut im Markt behaupten. Denn viele Anbieter von Video- oder Audio-Streams entscheiden sich für das Realformat, so dass dem Anwender gar nichts anderes übrig bleibt, als auch den Realplayer herunterzuladen.

    Ich kann beim besten Willen nicht erkennen, welchen Sinn die Arbeit des W3C macht. Mehr als Bürokratismus, Entwicklungsstillstand und das Monopol eines Webbrowsers ist in den letzten Jahren jedenfalls nicht dabei herausgekommen.

  6. Kommentar von Wolfgang Miedl am 29.07.04 00:15:

    Ich kann das nur unterstreichen. Wann hat das Web die größten Fortschritte gemacht? In der (guten alten 😉 Zeit des Browser-Kriegs zwischen Netscape und Microsoft. Man möge sich das bitteschön noch mal in Erinnerung rufen: Damals wurden über Nacht irrwitzige HTML-Tags – wie etwa Frames – eingeführt. Da hat sich keiner um irgendeine Kompatibilität geschert, und das Volk hat’s dankbar angenommen und das Web zu dem gemacht, was es heute ist.

    Seit alles gebannt auf das W3C starrt, herscht für mein Empfinden ein Klima des Zementierens: Seit einigen Jahren geht es um (relative) Kleinigkeiten wie saubere CSS-Implementierung, die Web-Polizei lauert hinter jeder Ecke und notiert kleinlichst jeden Regelverstoß.

    Anstatt ständig den Teufel an die Wand zu malen und vor möglichen neuen Regelverstößen aus Redmond zu warnen, sollte die „Community“ sich vielleicht mal auf die alten Zeiten besinnen und einen richtig regelwidrigen Knaller von den Mozillas fordern, um mal wieder frischen Wind ins Web zu bringen.

    Bevor das passiert, wird aber wohl alles unter dem Auge des W3C vor sich hin dümpeln, bis MS mit Longhorn den Versuch startet, das ganze Web-Paradigma über den Haufen zu werfen…

  7. Kommentar von Wolfgang Sommergut am 29.07.04 13:15:

    Glaubt ihr den Unsinn vom bösen Web-Diktator Tim Berners-Lee denn wirklich? Unter dessen Knute IBM, Microsoft, Oracle, Sun, etc. stöhnen, weil sie nicht innovativ sein dürfen? Bevor ihr eure neoliberale Heilslehre von den wundersamen Kräften des Marktes zum Besten gebt, solltet ihr überlegen, warum sich die genannten Unternehmen in Organisationen wie dem W3C, IETF, OASIS oder ECMA zusammensetzen und freiwillig gemeinsame Standards entwickeln. Habt ihr eine Erklärung dafür?

  8. Kommentar von Wolfgang Miedl am 29.07.04 14:05:

    Erstens war es immer schon so, dass es zunächst die Erfindungen geistreicher Leute braucht, um etwas neues auf die Füße zu stellen. Es geht hier also sehr wohl um die Kräfte des Marktes – jedoch nicht die wundersamen, sondern die mit den besten Ideen.

    Hinterher muss man natürlich schauen, wie man die Interessen aller beteiligten Parteien einigermaßen geregelt kriegt. Klar ist dabei aber auch, dass zu viele Köche den Brei verderben. Bei den Interessenkonflikten der genannten Parteien ist die Wahrscheinlichkeit dafür ziemlich hoch.

    Wer glaubt denn im Ernst, dass es diesem Firmen um mehr geht als um einen kleinsten gemeinsamen Nenner? Es erscheint mir einfach nicht logisch, dass diese Gremien sowas wie einen neuen großen Wurf oder eine wegweisende Technologie auf den Weg bringen werden.

    Ich bleibe dabei: Wenn man z.B. das Web solchen Gremien unterstellt, dann werden die kreativen Kräfte (Idividuen und Firmen) ihre Energien auf andere Felder verlagern.

  9. Kommentar von q am 28.09.04 22:22:

    Der Internet Explorer wird seit dem 9. September 2002 (IE6 SP1) offiziell nicht mehr weiterentwickelt. Mit dem IE6SP2 kamen lediglich ein Popup-Blocker dazu und .exe Dateien können nicht mehr direkt ausgeführt werden. Und der nächste Browser kommt erst mit Longhorn.

    DIE Innovationsbremse im Web. Egal ob ein W3C-Standard kommt oder ein proprietärer: Der Internet Explorer wird ihn nicht unterstützen können. Egal ob XFORMS oder Webforms kommen wird: Der IE kann es nicht und hält den Fortschritt auf.

    Was bisher den Fortschritt aufgehalten hat war der Browserkrieg, wo die Herren bei MS und Netscape irgendwelche HTML-Tags erfunden haben, die nicht im jeweils anderen Browser liefen.

    mit einem zwei Jahre alten Stück Software lässt sich leider kein Fortschritt erzielen.