Router-Spezialist Juniper schluckt für 4 Milliarden Dollar Netscreen
Offenbar sind die Zeiten vorbei, in denen der lahmende Markt den IT- und Netzwerkfirmen die Lust auf kostspielige Akquisitionen genommen hat. Jüngstes Beispiel ist der amerikanische Router-Hersteller Juniper Networks. Er gab heute bekannt, dass er für die respektable Summe von 4 Milliarden Dollar in Aktien Netscreen Technologies schlucken will. Die US-Firma hat sich auf Produkte spezialisiert, mit denen sich Netze absichern lassen, speziell Firewalls und Technologien für den Aufbau von Virtuellen Privaten Netzen (VPN).

Auf einer Pressekonferenz, die via Webcast übertragen wurde, sprach Juniper-Chef Scott Kriens mit typisch amerikanischem Pathos von einem „Tag, an dem sich die Spielregeln in der Netzwerkwelt veränderten“. Der Chief Executive Officer des Router-Herstellers unterstrich, dass durch den Merger gewissermaßen zwei Welten zusammenkommen: die der unternehmensweiten Netze, verkörpert durch Netscreen, und die der Internet-Serviceprovider und Carrier, die Juniper mit seinen Produkten bedient.
Der IT- und Internet-Kenner mag hinter solchen Aussagen – nicht ganz zu Unrecht – wieder einmal den klassischen „Synergie-Ansatz“ vermuten, der bei Firmenübernahmen oder Fusionen gerne ins Spiel gebracht wird. Im Fall von Juniper und Netscreen wird das sicherlich ebenfalls bis zu einem gewissen Maße zutreffen. Denn von den 900 Mitarbeitern von Netscreen, die im Rahmen der Transaktion zu den 1600 Leuten von Juniper hinzukommen, wird aller Voraussicht nach ein Gutteil nach kurzer Zeit „über Bord gehen“ – zumindest Personal aus dem „Overhead“, sprich Management, Vertrieb, Verwaltung et cetera.
Trotzdem ist die Fusion nicht ohne Charme: Juniper erkannte bereits im vergangenen Jahr, dass mit Highend-Routern alleine kein stabiles Geschäft zu generieren ist. Das Unternehmen erweiterte seine Produktpalette, und vor allem seine Dienstleistungen, zielstrebig in Richtung „Security“, etwa in Form der J-Protect“-Lösung, einer Kombination aus Hardware, Netzwerkmanagement-Tools und Diensten für die Router der E-, M- und T-Serie. Mithilfe von Netscreen und dessen Know-how auf den Gebieten Security Appliances, also Systemen, mit denen sich unternehmensweite Netze gegen Angriffe von außen sichern lassen, geht Juniper diesen Weg konsequent weiter.

Werden künftig unter dem Label von Juniper vermarktet: Appliances wie Netscreen-5400 unterstützen bis zu 25.000 VPN-Tunnel gleichzeitig. (Foto: Netscreen)
Offen bleibt, ob es dem neuen Unternehmen gelingt, beide Welten, also Carrier und Enterprise, gleichermaßen anzusprechen. Für Juniper als dem federführenden Teil der „Partnerschaft“, ist von essenzieller Bedeutung, dass nicht nur das Wissen von Netscreen in die neue Firma einfließt, sondern auch die Vertriebswege mit übernommen werden können. Dennoch: Der Weg, den Juniper mit der Übernahme von Netscreen beschreitet, ist der richtige. Denn Beispiele wie die der Superrouter-Hersteller Procket Networks oder Avici Systems belegen, dass für diejenigen die Luft sehr schnell sehr dünn werden kann, die allzu sehr auf Carrier oder Internet-Serviceprovider und deren Investitionsbereitschaft setzen.
Verfasst von: Bernd Reder am 09.02.04, 20:34
