Wall Street Journal: IBMs Outsourcing-Praktiken kosten Jobs
In einem Artikel in seiner Online-Ausgabe beschäftigt sich das Wall Street Journal (WSJ) kritisch mit Aussagen von IBM, das Unternehmen werde im Lauf des Jahres in den USA 5000 neue Jobs schaffen. Der IT-Konzern reagierte damit auf die wachsende Kritik von amerikanischen Politikern und Verbänden am Verlagern von Stellen aus Hightech-Branchen wie Informationstechnik und Elektronik in Länder wie Indien oder China.
Das Wirtschaftsblatt behauptet, „Big Blue“ werde seine Zusage wohl nicht halten können. Der Grund: bislang wenig beachtete Nebeneffekte des „Outsourcing“, also des Auslagerns von Aktivitäten oder ganzen Unternehmensbereichen, das bei vielen Firmen immer stärker in Mode kommt. Sie überlassen beispielsweise das Management ihrer IT-Infrastruktur, die Lohnbuchhaltung oder die Kundenbetreuung externen Dienstleistern. Solche Projekte machen nach Angaben des WSJ mittlerweile etwa 17 Prozent des Umsatzes von IBM aus, sprich 15 Milliarden Dollar.
Als problematisch erweist sich beim Outsourcing weniger das „Offshoring“. Dabei werden Tätigkeiten komplett an Fremdfirmen oder Tochtergesellschaften in anderen Ländern vergeben. Zwar koste auch dies Stellen im „Mutterland“, so die Zeitung. Als der wahre Jobkiller erweise sich in der Praxis die höhere Effizienz von Outsourcing-Spezialisten. Sie benötigen weniger Personal, um etwa ein Unternehmensnetz zu verwalten oder ein Callcenter zu betreiben.
Fatal sei, dass ein Unternehmen im Rahmen eines Outsourcing-Abkommens häufig die „überflüssige“ Abteilung an den Dienstleister abgibt, also beispielsweise seine IT-Spezialisten. Der neue Dienstherr entlasse dann nach einiger Zeit einen Teil der übernommenen Mitarbeiter. Als Beleg dafür, dass dieses Vorgehen auch bei IBM Usus ist, führt das Wall Street Journal einige der Outsourcing-Kontrakte an, die das Unternehmen im vergangenen Jahr bekannt gab. Im Rahmen dieser Abkommen mit Firmen wie Fluor, Qwest oder J. P. Morgan habe IBM in den USA mehr als 7400 EDV-Fachleute übernommen. Die Zahl der Beschäftigten des Konzerns in den Vereinigten Staaten habe sich 2003 insgesamt aber nur um 2000 erhöht.
Befürworter des „Offshoring“ argumentieren mittlerweile, das Verlagern von Jobs führe nicht zwangsläufig dazu, dass in den Industrieländern Stellen verloren gingen. Im Gegenteil: Firmen blieben dank Offshoring wettbewerbsfähig und würden dann auch an ihrem Stammsitz oder in Industrieländern neue Stellen schaffen.
Vorerst stehen die Zeichen jedoch auf „Jobabbau“. Einem Bericht der Financial Times Deutschland zufolge, der am 3. März erschien, prognostiziert die Unternehmensberatung AT Kearny, dass der Offshore-Anteil an deutschen IT-Budgets bis 2007 von gegenwärtig rund fünf Prozent auf 20 Prozent anwachsen wird. Dadurch, so das Blatt, könnten alleine in den Bereichen Software und IT-Services bis zu 130 000 Arbeitsplätze hier zu Lande verloren gehen.
Verfasst von: Bernd Reder am 08.03.04, 15:35AT Kearny Studie, dass der Offshore-Anteil an deutschen IT-Budgets von gegenwärtig 5% in 2007 auf 20% steigen werde, schenke ich nur bedingt Glauben. Wenn US oder UK Unternehmen ins Ausland auslagern (Asien), dann haben die keine Sprachbarriere dabei zu überwinden. Gerade für nationale deutsche Firmen ist das ein deutlicher Hinderungsgrund, da die meisten Endanwender in einem Kozern nicht genügend Englisch sprechen bzw. Inder und Pakistani kein Deutsch. Gerade für Callcenter ist diese Barriere unüberwindbar. Callcenter Jobs sind das bevorzugte Outsourcing-Ziel der Anbieter. Bei diesen Jobs macht sich das Lohngefälle zwischen Industrieländern und Schwellenländern am deutlichsten bemerkbar. Es sind andererseits die "international" operierenden deutschen Konzerne, wo so eine Art Outsourcing am ehesten funktionieren kann. Siehe beispielsweise die Lufthansa.
Outsourcing im "Rechenzentrum" (Monitoring, First & Second Level Trouble Shooting gerade im Bewreioch Client/Server) und bei "Desktop Services" (=low end jobs) ist es schon länger im Gange. Die meisten Konzerne arbeiten hier zu teuer. Hier wird sich der Trend in Deutschland weiter verstärken. Outsourcing auch deshalb, weil vielen Konzernen selbst die weitere Automatisierung der Arbeiten zu teuer ist.
Interessanter Seitentrend ist auch, dass bisher fast alle Outsourcing-Anbieter sich verkalkuliert haben. Teilweise massiv. Das reine Outsourcing ist komplex in der sauberen Kalkulation. Sie holen sich das Geld bei Zusatzarbeiten wieder. Effekt ist, dass solche Vorhaben unter dem Strich für den Servicenehmer nicht preiswerter sind, als wenn sie es selbst weitergemacht hätten.
Da gäbe es ganze Romane zu erzählen. mein Spezialgebiet ... ;)
Verfasst von: Jim am 08.03.04, 15:58
Hallo Jim,
stimmt, vor allem Firmen aus dem anglo-amerikanischen Raum (Englisch!) zieht es derzeit nach Indien oder Hongkong. Ähnliches spielte sich in Europa ab, als vor einigen Jahren plötzlich Irland als "Outsourcing"-Standort in Mode kam, auch was Callcenter betrifft. Offenbar waren/sind genügend Iren der deutschen Sprache mächtig.
Was Deine Einschätzung zu den teilweise recht nebulösen Vorstellungen der Outsourcing-Anbieter in puncto Finanzen bzw. Kalkulation betrifft, geht der Artikel in der Financial Times in dieselbe Richtung (Leider ist er nicht frei verfügbar, sondern nur als "Paid Content"): Solide Angebote sind Mangelware; oft zahlen die Kunden von Outsourcing-Anbietern im Endeffekt drauf.
Ein weiterer Punkt: Plötzlich entdecken Firmen, etwa Dell, dass die "Nähe zum Kunden" wichtig ist. Sie transferieren daher ihre Support- und Customer-Care-Abteilungen, die vorher Richtung Fernost ausgelagert haben, wieder zurück in die USA. Scheint so, als wären auch weiche Faktoren wie Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kulturkreis ein nicht ganz unwichtiger Faktor. :-) Bernd
Verfasst von: Bernd am 08.03.04, 20:11
"Service" ist kein abstrakter Begriff oder einfach eine "Task", die sich auf dem Blatt Papier von einem Kontitent in den anderen oder von einem "Servicegeber" zum anderen verschieben lässt. "Service" muss auch gelebt werden und ein Gesicht haben. "Service" lebt auch von sehr guter Kundenkenntnis.
Solange die reinen Key Account Vertreter der Grosslieferanten (IBM, CSC und Consorten) "Service" ohne Bodenhaftung mit Excel kalkulieren, solange sie das ohne lange Erfahrung machen, solange es nur darum geht den Grosskunden um jeden Preis zu aquirieren, solange Vorstände am Golfplatz entscheiden ... hat ein wirtschaftlicher "Service" mit Qualität keine Chance.
Erfahrene Leute sind sehr selten.
Verfasst von: Jim am 09.03.04, 11:25

