Das Longhorn mit den vielen Hörnern

Wolfgang Sommergut glaubt in Bezug auf Longhorn:

Zwischen dem Erscheinen von Windows XP und Longhorn werden somit etwa sechs Jahre vergehen und kaum nennenswerte Innovationen bringen.

Das sehe ich etwas anders:

Soweit sich das jetzt abzeichnet, wird lediglich WinFS nicht in Longhorn enthalten sein, WinFX zusammen mit Avalon und Indigo aber schon. Teile dieser wesentlichen Neuerungen werden dann wohl auch für Windows XP und Windows Server 2003 verfügbar sein. Darüber hinaus wird Longhorn eine Reihe von neuen interessanten Features bringen. Unter anderem: Aero, Palladium, XAML und einiges im Bereich Kommunikation. Inwieweit Letzteres durch den Wegfall von WinFS beeinflusst wird, ist allerdings unklar. Interessant dürfte aber vor allem die Integration von Voice-over-IP sein.

Ich denke, man muss auch davon ausgehen, dass Longhorn schon wie seine Vorgänger viele Verbesserungen im Detail bringen wird, die in ihrer Summe einen wesentlichen Anteil am Erfolg haben werden. Das Allerwichtigste dürfte aber in der Tatsache bestehen, dass mit Longhorn .NET zu einer größeren Verbreitung verholfen wird. Damit wird langsam aber sicher eine neue Ära auf dem Desktop und wohl auch im Internet eingeläutet.

9 Kommentare

  1. Kommentar von Wolfgang Sommergut am 29.08.04 13:45:

    Wir werden uns vermutlich nicht darauf verständigen können, was als Innovation gilt. Die für Longhorn verbleibenden Features sind zweifellos Neuerungen für die Windows-Welt, aber sicher keine Pionierleistungen bei Betriebssystemen. So dürfte Avalon in etwa das bieten, was Mac OS X mit Quartz (http://www.apple.com/macosx/features/quartzextreme) heute schon kann, XAML als deklarative Sprache in XML-Syntax zur Beschreibung von GUIs kennen wir bereits von Mozillas XUL. WinFS hatte da wohl einen weitergehenden Anspruch.

    Erstaunlich finde ich an Microsofts Ankündigung, dass die wesentliches Neuerungen von Longhorn, Indigo und Avalon, auch für Windows XP angeboten werden sollen (und wohl nicht nur Teile davon). All jene, die im Rahme der Software Assurance regelmäßig Geld hinlegen und sich damit das Recht auf Updates erkaufen, bekommen dann als wesentlichen Mehrwert die „vielen Verbesserungen im Detail“.

    Fazit: Fünf bis sechs Jahre für das Update eines Desktop-OS, das in wichtigen Punkten erst nachholt, was der kleine Konkurrent Apple heute schon kann, sind keine berauschende Leistung. Schon gar nicht für eine Firma mit den Möglichkeiten von Microsoft.

  2. Kommentar von Markus Breuer am 29.08.04 16:59:

    Es ist sicherlich nicht so, dass Microsoft im Kontext von Longhorn keine Innovationen bringen will/wird. Nur ist das allermeiste davon nicht mehr Longhorn-spezifisch sondern wird Service-Pack für Service-Pack auch in die alten Plattformen integriert – sicherlich nicht zuletzt auch auf Druck der Großkunden. Das epochale Ereignis, der Beginn eines neuen Zeitalters, wie von Bill Gates in Interviews immer angedroht, wird dieser Version also nicht sein. Und der – vorläufige – Verzicht auf WinFS schmerzt schon sehr, weil damit der Marktführer bei Desktop-Betriebssystemen endlich das betagte Paradigma des hierachischen Filesystems abgelöst hätte.

    Und in Summe klafft allmählich schon eine ziemlich große Lücke zwischen Announcement & Delivery … siehe auch
    http://notizen.typepad.com/aus_der_provinz/2004/08/microsoft_trimm.html

  3. Kommentar von Michael Pietroforte am 29.08.04 18:33:

    @Wolfgang
    Unter „Innovation“ versteht man normalerweise die Einführung von etwas Neuem, nicht das Erfinden. Aber da habe ich Dich wohl einfach falsch verstanden.

    Ansonsten muss ich ich Dir Recht geben. Das ist alles nur geklaut… .NET hat man bei Java abgekupfert, der Ideengeber für WinFS war wohl iFS (Oracle) und auch für die anderen geplanten Innovationen in Longhorn findet man sicher irgendwo jemand, der schon mal an etwas Ähnliches gedacht hat. Vielleicht brauchen wir einfach ein schärferes Patentrecht. Softwarepatente könnten die ideenlosen Redmonder vielleicht in die Knie zwingen. 😉

    Es werden nur Teile von WinFX für Windows XP und Windows Server 2003 verfügbar sein. WinFX ist wohl mehr als Indigo und Avalon. Erstaunlich ist dieser Schritt schon, erklärt sich aber dadurch, dass man den Paradigmenwechsel schnell vollziehen will und das WinFX sehr viel mit .NET zu tun hat. Da Letzteres ja auch für ältere Windows-Versionen verfügbar ist, hält sich vermutlich der Portierungsaufwand in Grenzen.

    @Markus
    Ich denke schon, dass Longhorn auch ohne WinFS ein neues Zeitalter unter Windows einläuten wird. Allein der Wechsel zu WinFX bzw. .NET ist wohl nur noch vergleichbar mit dem Übergang von DOS zu Windows bzw. Win16 zu Win32. WinFS wird sicher eine paar nette Features bringen, die wesentlichen Neuerungen, die mit Longhorn kommen, betreffen aber eher webbasierte Anwendungen und weniger den Desktop selbst.

  4. Kommentar von Markus Breuer am 29.08.04 18:56:

    @Michael: Klar, wird Longhorn „Longhorn auch ohne WinFS ein neues Zeitalter unter Windows einläuten“. Nur eben nicht unter Longhorn allein. Der Update-Druck auf die Kunden wird damit deutlich geringer – was auch Sinn macht, denn welcher Entwickler/welche Entwicklungsabteilung will Software herausbringen, die wirklich NUR auf der allerneuesten Version von Windows laufen.

    … und „WinFS wird sicher eine paar nette Features bringen“ … Ich denke, was „nett“ und was „wesentlich“ ist, wird jede Anwendergruppe für sich persönlich entscheiden müssen/dürfen.

    Eine Anmerkung am Rande: Anwendungen auf Basis von Avalon, Indigo, XAML etc. „webbasiert“ zu nennen, dürfte einige Standards-Puristen sicherlich etwas in Rage bringen.

  5. Kommentar von Michael Pietroforte am 29.08.04 19:14:

    Das „webbasiert“ bezog sich auf das Thema Web Services (z.B. Indigo). Nicht alles, was sich demnächst im Web tummelt, braucht einen Browser.

  6. Kommentar von Markus Breuer am 2.09.04 06:47:

    Nette Ergänzung:

    It’s hard to cry a river for a company like Microsoft, but sometimes they’re damned if they don’t („Microsoft never innovates“) and damned if they do („Microsoft never ships“).

    Jon Udell (http://weblog.infoworld.com/udell/2004/09/01.html#a1066)

  7. Kommentar von Michael Pietroforte am 2.09.04 08:14:

    Es ist ja hinlänglich bekannt, dass Microsoft so ziemlich alles falsch macht, was man falsch machen kann. Das Einzige, was sie richtig machen, ist kontinuierlich, die steigenden Gewinne einzusacken. 😉

  8. Kommentar von m-pax am 7.09.04 19:02:

    Allein der Wechsel zu WinFX bzw. .NET ist wohl nur noch vergleichbar mit dem Übergang von DOS zu Windows bzw. Win16 zu Win32.

    Seh ich nicht so. Der Wechsel zu WinFX bzw. .NET ist ja wohl nicht so besonders revolutionär. Wird eher ein normaler Sprung wie von Win2000 zu WinXP, bzw. bei vielen Privatanwendern Win98 (oder auch ME *würg*) zu WinXP.

  9. Kommentar von Michael Pietroforte am 7.09.04 19:25:

    Eigentlich ist sich die Fachwelt in diesem Punkt relativ einig. Unter anderem sieht man das beim renommierten Marktforschungsunternehmen Gartner so:

    „In Gartner’s estimation, these technologies represent the largest change in Microsoft’s programmer interfaces since the introduction of Win32 with Windows 95 and Windows NT 3.1 nearly 10 years ago. WinFX will re-integrate the „managed code“ concept introduced with the .NET Framework with the underlying OS — the entire Longhorn WinFX developer API will be based on managed code. Moreover, WinFX will replace Win32, which will be relegated to „legacy“ platform status (just as Win32 relegated DOS/Win16).“

    http://www.gartner.com/DisplayDocument?doc_cd=118261