Der Internet Explorer und die Zukunft des Webbrowsers

So mancher Blogger fragt sich dieser Tage, warum in den Zugriffsstatistiken der Internet Explorer auf dem Rückzug ist. Der eine spekuliert, es seien die ständigen Sicherheitsprobleme des IE, ein anderer vermutet, es wäre womöglich die mangelhafte XHTML-Kompatibilität und hier glaubt man, es seien die besseren Features der "alternativen Browser".

An allen drei Thesen ist sicherlich was dran, der eigentliche Grund ist jedoch woanders zu suchen.

Bekanntlich hat man sich bei Microsoft schon vor einiger Zeit entschieden, den IE nicht mehr als eigenständiges Produkt weiterzuentwickeln. Kein Wunder also, dass andere Webbrowser relativ leicht Marktanteile zurückgewinnen können. Fast sieht es so aus, als würde man sich in Redmond für Webbrowser nicht mehr sonderlich interessieren. Die Frage ist nur, warum?

Damals dachten einige, dass ein Zusammenhang zum Antitrust-Verfahren bestünde. Wer die Gates-Company kennt, weiß, dass man sich dort nicht so leicht einschüchtern lässt. Die Auseinandersetzungen um den Media Player zeigen, dass man nach wie vor die gleiche Linie fährt.

Die offizielle Verlautbarung (am Ende des Interviews) ist, dass weitere Verbesserungen des IE nur durch eine Erweiterung der Funktionalitäten des zugrunde liegenden Betriebssystems zu erreichen sind. Das ist natürlich eine Anspielung auf Longhorn. Aber was ist wirklich damit gemeint?

Keine Frage, schon heute ist die hervorragende Integration in Windows die größte Stärke des IE. Das gilt insbesondere für Installationen in Unternehmensnetzen. Mehr dazu findet sich in meinem Beitrag Die Vorzüge des Internet Explorers gegenüber Mozilla, Netscape, Opera & Co.

Allerdings glaube ich nicht, dass man die Weiterentwicklung des IE nur deshalb mehr oder weniger eingestellt hat, weil man bei Microsoft meint, dass eine weitere Verbandelung mit dem Betriebssystem ausreicht, um die Anteile im Browsermarkt halten zu können. Vielmehr scheint mir, dass das Ganze mehr mit .NET als mit Windows zu tun hat.

Die Namensgebung auf der Serverseite lässt schon ahnen, wohin die Reise gehen wird. Aus dem Webserver werden die Web Services. Der Webserver hat bisher den Webbrowser bedient, aber was ist in Zukunft auf der Frontend-Seite für die Dienste aus dem Web zuständig? Offenbar ist es nicht der Webbrowser, sondern speziell dafür zugeschnittene Applikationen. Und wenn es nach den Redmondern geht, werden das natürlich .NET-Anwendungen sein.

Freilich, Webserver und Webbrowser wird es auch in Zukunft geben. Nur scheint man bei Microsoft zu denken, dass sie nur noch eine untergeordnete Rolle im Web spielen werden. Die Hauptaufgabe des Browsers wird darin bestehen, die Web Services anzusteuern. Die Anzeige der eigentlichen Inhalte und die Interaktion mit dem Anwender übernimmt dann die jeweilige Applikation, die, falls sie noch nicht auf dem Rechner vorhanden ist, gleich mit über das Netz übertragen wird.

Damit muss man sich auch kaum mehr um Standards von Dokumentformaten kümmern. Wer müsste sich noch Sorgen machen, ob die zu transportierenden Inhalte vom Anzeigegerät des Anwenders korrekt dargestellt werden? Wer braucht dann noch einen XHTML-Standard?

HTML, PDF, Flash, MP3 oder MPEG, was spielt das dann noch für eine Rolle? Der entsprechende Reader, Player oder wie immer man das Frontend dann nennen mag, wird gleich mitgeliefert. Neue Dateiformate können sofort unters Volk gebracht werden, ohne dass man darauf warten muss, bis genügend Anwender ihre Anzeigesoftware aktualisiert haben.

Auch ist man dann nicht mehr auf den Segen eines Standardisierungsgremiums angewiesen. Wer braucht dann noch das W3C? Die Standards bezüglich der Web Services machen die Großen unter sich aus, sprich IBM, Microsoft, SAP und Co. und Neuentwicklungen können nicht mehr durch eine schwerfällige Non-Profit-Organisation aufgehalten werden.

Der Browsermarkt jedenfalls, ist nicht mehr das Schlachtfeld, wo sich in Zukunft noch neues Territorium gewinnen ließe. Insofern ist der Rückzug des Internet Explorers aus den Zugriffstatistiken – strategisch gesehen – belanglos.

So, denke ich, sieht man das in Redmond.

6 Kommentare

  1. Kommentar von dogfood am 13.06.04 18:20:

    Im Prinzip richtige Schlußfolgerung, allerdings aus zwei m.E. nicht korrekten Indizien gezogen.

    Da wäre zum einen der fallenden Marktanteil des Internet Explorers. Einzelne Blogger sind eine denkbar schlechte Gruppe um demoskopische Schlußfolgerungen zu ziehen. Ein Blick auf die Werte von Googles Zeitgeist (http://www.google.com/press/zeitgeist.html), läßt erahnen, das wir hier über Marktanteils-Änderung im maximal einstelligen Prozentbereich reden. Für ein Abgesang auf die Marktdominanz des MS IE ist es bei diesen Änderungsraten noch einige Dekaden zu früh.

    Die zweite Unstimmigkeit rankt sich um die Bemerkung dass MS IEs größter Vorteil die Integration im Betriebssystem wäre („Keine Frage, schon heute ist die hervorragende Integration in Windows die größte Stärke des IE.“)

    Dann wollen wir mal auf Windows XP SP2 warten, wie es da mit der Integration aussieht. Ich verweise auf einen entsprechenden Artikel von Mary-Jo Foley ( http://www.microsoft-watch.com/article2/0,1995,1611106,00.asp ), in der sie ausführt, dass die IE-Änderungen in SP2 die Kompatibilität arg strapazieren wird. Die Integration scheint ihren Preis in Sachen Sicherheit gehabt zu haben…

  2. Kommentar von Michael Pietroforte am 13.06.04 22:17:

    Es ist richtig, dass der IE nur sehr zögerlich Marktanteile verliert. Auch ist gerade die deutsche Blogsphere sicher nicht repräsentativ in dieser Sache, was wohl hauptsächlich auf eine gewisse Open-Source-Lastigkeit zurückzuführen ist. Man könnte allerdings auch die Auffassung vertreten, dass die so genannten Early Adopters auch hier eine gewisse Vorreiterrolle spielen. Auf cyDome ist der IE sogar schon unter die 50-Prozent-Marke gerutscht, während der Marktanteil insgesamt vermutlich noch über 90% liegt.

    Ich denke aber auch, dass die Unterschiede zwischen den Browsern nur unwesentlich sind. Ein Wechsel ist daher entweder ideologisch motiviert oder man hängt an dem ein oder anderen Feature. Große Marktbewegungen sehe ich daher in der nahen Zukunft eigentlich auch nicht. Das HTML-basierte Web ist wohl an das Ende seiner technologischen Entwicklungsfähigkeit gelangt. Insofern verstehe ich die häufig recht emotional geführten Debatten um den besten Webbrowser auch nicht so ganz.

    Dass die Integration des IE in das Betriebssystem ein Grund für die Sicherheitsprobleme darstellt, ist richtig. Die Vorteile dieser engen Verbindung habe ich neulich schon erläutert. Das SP2 bringt einige Verbesserung in puncto Sicherheit für den IE, dass sich dadurch etwas Wesentliches an der Integration in das Betriebssystem ändern würde, sehe ich allerdings nicht.

  3. Kommentar von Volker Weber am 13.06.04 23:41:

    Es geht doch nichts über ein gefestigtes Weltbild, nicht wahr? 🙂

  4. Kommentar von Michael Pietroforte am 14.06.04 19:14:

    Nicht wahr: Ein gefestigtes Weltbild durch ein besseres ersetzen, geht noch darüber. Allein es fehlt die Alternative… 😉

  5. Kommentar von Wolfgang Sommergut am 15.06.04 01:20:

    Diese Interpretation der Microsoft-Strategie leuchtet mir nicht ein. Gerade in Dokumenten-orientierten Umgebungen scheint es wenig sinnvoll, für die Übertragung von Inhalten Web-Services zu nutzen. SOAP-Aufrufe funktionieren nach dem Muster eines Remote Procedure Call (RPC) und sind für solche Zwecke viel zu kompliziert. Aber vor allem: Welches Format soll die Nutzlast innerhalb eines SOAP-Umschlags dann haben – HTML/ XHTML? Das bekommt man über HTTP GET einfacher.Wenn der Web-Service seine eigenen Datenstrukturen übermittelt, dann muss der Client damit was anzufangen wissen. Das ist für die Anwendungsintegration ok, aber nicht für Millionen von Websites.

    Das neue Anwendungsmodell von Microsoft geht mit Longhorn in eine andere Richtung: Mit XAML entsteht eine deklarative Sprache zur Definition von GUIs, die von der neuen Grafik-Engine unter Longhorn ausgeführt werden können. Siehe dazu meinen CW-Artikel zur Wiederkehr des Fat Client.

    Aber auch da scheint unwahrscheinlich, dass die Mehrzahl der Websites zukünftig wg. einer „Rich User Experience“ von HTML auf XAML umsteigen werden. Und angesichts der Innovationen von Mozilla und Opera schaut der IE schon heute ziemlich angestaubt aus. Die Kombination aus Single-Plattform-Strategie und mangelnder Produktpflege wird sich irgendwann in den Marktanteilen niederschlagen.

  6. Kommentar von Michael Pietroforte am 15.06.04 20:52:

    Dass Web Services sich nicht für die Bereitstellung von Dokumenten-orientierte Diensten eignen, wäre mir neu. Microsoft plant z.B. im Rahmen von .NET My Services einen Dienst (.NET Documents), der die Ablage von Dokumenten im Web ermöglicht. Und was genau soll man unter Inhalten verstehen, die nicht Dokumenten-orientiert sind? Ein immer wieder genanntes Beispiel im Zusammenhang mit Web Services ist der Zugriff auf das Bankkonto. Wenn ich mir da meinen Bankauszug abhole, übertrage ich da nicht auch ein Dokument? Künftig macht man das dann nicht mehr in einer schäbigen Browseroberfläche, sondern mit einem speziellen Client (geht ja auch heute schon mit Quicken & Co.)

    In Deinem übrigens sehr interessanten CW-Artikel sprichst Du ja genau die Dinge an, um die es mir geht. Die Smart-Clients sind eine Alternative zum Webbrowser. Im Gegensatz zum Browser sind sie auf eine Anwendung spezialisiert und sie können über das Netz recht bequem aktualisiert werden. Letzteres macht sie eben auch in Bezug auf die Formate der transportierten Inhalte sehr flexibel.

    XAML ist eine Sprache, mit der man die Oberfläche dieser Smarts-Clients programmieren kann. Oberflächen kann ich natürlich auch heute schon für .NET-Anwendungen basteln. Mit XAML macht man das nur auf eine etwas andere Art und Weise. Deshalb sehe ich hier auch kein neues Anwendungsmodell und auch kein Argument gegen meine Sichtweise. Das "Rich User Experience" ist nach meiner Ansicht der Hauptgrund für Microsofts Monopolstellung auf dem Desktop.

    Offenbar will die große Mehrheit der Anwender komfortable Benutzeroberflächen. Die Chancen stehen daher recht gut, dass Microsoft mit dieser Strategie auch im Web erfolgreich sein wird. Man kann nur hoffen, dass die Konkurrenz diesen Umstand in Zukunft besser berücksichtigt