Google Desktop, ein nützliches Tool für Bill Gates

Siegfried Hirsch hat auf IT Frontal einen wirklich lesenswerten Erfahrungsbericht über Google Dekstop verfasst. In einem Punkt muss ich Herrn Hirsch allerdings widersprechen.

Er schreibt:

Anderseits ist es von Google ein ziemlich genialer Schachzug, sich immer mehr auf dem Desktop zu verbreiten und damit Microsoft eindeutig Paroli zu bieten.

Und weiter unten:

Es geht also weiter im Geplänkel um den Desktop und Google zeigt jetzt schon, was an Integration zwischen Desktop und dem Web möglich ist und das wird sich in Zukunft noch verstärken.

Einschätzungen wie diese liest man in letzter Zeit häufiger. Es entsteht dabei der Eindruck, als wenn sich mit Google und Microsoft zwei Giganten der IT-Branche gegenüberstehen, die sich für die Schlacht um die Vorherrschaft auf dem Desktop rüsten.

Unter anderem hat wohl die Namensgebung schon viele zu dieser Schlussfolgerung verleitet. Google Desktop ist aber einfach nur ein Tool von zig anderen, die auf einem Desktop laufen. Es ist ein News-Aggregator und ein Suchtool, weiter nichts. Eine Auseinandersetzung um den Desktop zwischen Microsoft und Google kann ich hier nicht erkennen.

Google ist im Wesentlichen ein Dienstleister für die Werbebranche, Microsoft verkauft Software. Solange Google nicht anfängt, ein Desktop-Betriebssytem, ein Office-Paket, etc. zu produzieren, stellt Google für Microsoft keine Gefahr dar. Dass Microsoft nun auch etwas von dem großen Kuchen der Werbebranche haben will, mag für Google ein Problem darstellen, mit einer Auseinandersetzung um den Desktop hat das aber eigentlich nichts zu tun. Microsoft will sich von jedem aus Bits und Bytes gebackenen Kuchen ein großes Stück einverleiben. Aber das ist ja nichts Neues.

Und ob ich mit dem Internet Explorer, dem Firefox oder mit dem Google Desktop auf Googles Web-Dienste zugreife, ist relativ egal. Das sind alles nützliche Desktop-Tools. Entscheidend ist doch, was Googles Server unter der Haube haben, aber nicht irgendwelche Gimmicks auf dem Desktop.

Auf der anderen Seite profitiert Microsoft wie kaum ein anderes Unternehmen von den Erfolgen Googles. Je nützlicher das Internet wird, egal ob mit Suchtools, News-Aggregatoren, Freemailern, Weltkarten etc. etc., umso mehr Leute brauchen einen PC, auf dem in erster Linie Windows laufen wird. Google baut jetzt kostenlos nützliche Anwendungen, die Microsofts Desktop verbessern. Herr Gates kann sich freuen. Wenn Google demnächst überhaupt eine wichtige Rolle auf dem Desktop einnehmen wird, dann allenfalls als Verbündeter Microsofts aber nicht als Kontrahent.

8 Kommentare

  1. Kommentar von jim am 26.08.05 14:05:

    Sehr logischer Gedankengang. Google handelt in erster Linie mit Informationen und macht sich nicht nur auf dem Desktop breit, sondern einfach überall, wenn man mal schaut, was die mittlerweile alles anbieten. Irgendwann bekommt man vermutlich auch noch seine Post und die Pizza von Google zugestellt.

  2. Kommentar von Heiko Wolf am 26.08.05 21:11:

    Selbst wenn Google den Desktop von Microsoft mit Tools aufwertet, wird Microsoft vielleicht nervös, weil Google nicht zwingend auf den MS-Desktop angewiesen ist. Das wahre Know-How von Google liegt in den Webdiensten, die Desktop-Tools sind nur Schnittstellen zu diesen Diensten. Wenn Google diese Tools nun auch für Alternativen wie MacOS oder Linux auf den Markt bringt (das solle für einen Riesen wie Google kein Problem sein), dann ist plötzlich niemand mehr zwingend auf Windows angewiesen, im Gegensatz zu jemanden, der MS Office oder dergleichen benutzt. Je mehr Dienste und Anwendungen ins Web verlagert werden, desto nervöser wird Microsoft, denke ich. Auch wenn es jetzt noch so aussieht, als ob Google Microsoft nur nützt, das kann sich sehr schnell ändern, wenn Google das will. Vielleicht hat Microsoft auch einfach nur ein Problem damit, wenn eine Firma auf ein Niveau kommt, wo sie vom Einfluß auf die Computerwelt her einen ähnlichen Stellenwert wie Microsoft selber hat.

  3. Kommentar von Michael Pietroforte am 26.08.05 23:08:

    @jim
    Ich denke auch, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis wir mit Google Pizza Beta beglückt werden. 😉

    @Heiko
    Ähnlich lief die Diskussion damals mit Netscape und Microsoft hab. Auch da war ständig davon die Rede, dass Netscape die Windows-Company in Bedrängnis bringen würde, weil man künftig ja eh nur noch einen Webbrowser benötigt und das darunter liegende Betriebssystem nur noch zweitrangig sein wird. Diese These hat sich dann als falsch herausgestellt.

    Natürlich gibt es immer mehr netzbasierte Anwendungen. Das weiß man auch bei Microsoft. .NET wurde nur dafür entwickelt. Doch moderne netzbasierte Anwendungen brauchen einen leistungsfähigen Desktop. Man denke dabei etwa an Computerspiele oder an den Home-Entertainment-Bereich. Ähnliches gilt für das Unternehmensnetz. Die Clients werden immer fetter und fetter, weil ein leistungsfähiges Benutzerinterface Rechenpower auf dem Desktop braucht. Dreidimensionale Benutzeroberflächen, Sprachsteuerung, VR-Interfaces etc. etc., das sind alles Neuerungen, die kurz vor der Tür stehen. Mit spartanischen Web-Interfaces wird man da nicht allzu weit kommen.

    Außer einer wirklich guten Suchmaschine hat Google bisher eigentlich noch nichts entwickelt, was aus technologischer Sicht beachtenswert wäre. Ich würde wirklich gerne mal wissen, welche revolutionären Webdienste das eigentlich sollen, mit denen Google demnächst den Desktop erobern wird. Bislang konnte mir das noch niemand sagen.

  4. Kommentar von Siegfried Hirsch am 28.08.05 23:58:

    @Michael
    Das seh ich dann doch ein wenig anders. Google hat zwar sicherlich eine sehr gute Suchmaschine erfunden, aber was sie noch viel besser vollbracht haben, zumindest meiner Ansicht nach, ist die Tatsache, dass sie Werbung so aufbereitet und zugeordnet haben, dass man damit Leben kann.
    Und zwar sowohl der Nutzer von Google, als auch Google selbst.

    Ausserdem zeigt Google mit seiner im Vergleich zu Microsoft, recht offenen Strategie, dass mit Webservices tatsächlich was zu machen ist. Microsofts Hailstorm war ja leider nicht von Erfolg gekrönt, wie so manches andere Projekt von Microsoft.

    Dass sich Google immer mehr auf dem Desktop, sprich auf Windows verbreitet nutzt zwar sicherlich auch Bill Gates, aber das eigentlich Wichtige dabei ist doch, dass durch die Präsenz auf dem Desktop immer mehr Dienste von Google genutzt werden, die auch dazu führen, dass Google mit seiner Werbestrategie daran verdient.

    Dass Microsoft immer noch vornehmlich eine Company ist, die Produkte verkauft, wird sich meiner Ansicht in Zukunft als der Pferdefuss herausstellen. IBM war ja auch eine Produktcompany und hat sich mittlerweile zu einem Dienstleister umgebaut, der auf offene Systeme setzt und damit auch ganz gut fährt. Nicht umsonst hat IBM genau aus dieser Strategie heraus seine PC-Sparte wohlweislich verkauft.

    Google hat keine Produkte zu verkaufen und wird es wohl auch nie wirklich machen, mal abgesehen von der Appliance. Denn Google verdient mit Dienstleistungen. Google hat es fertiggebracht auf seinen Serverfarmen Anwendungen laufen zu lassen, die nahezu genauso so schnell reagieren, wie Desktop Anwendungen von Microsoft oder wem auch immer.

    Dass für Google die Präsenz in allen Bereichen das wichtigste Anliegen ist, damit die Dienste auch genutzt werden, ist somit auch klar. Und daraus leite ich auch die Aussage ab, dass Google damit einen guten Schritt näher an seinem Ziel in dieser Hinsicht ist.

  5. Kommentar von Michael Pietroforte am 29.08.05 21:04:

    >> Google hat zwar sicherlich eine sehr gute Suchmaschine erfunden, aber was sie noch viel besser vollbracht haben, zumindest meiner Ansicht nach, ist die Tatsache, dass sie Werbung so aufbereitet und zugeordnet haben, dass man damit Leben kann.
    Und zwar sowohl der Nutzer von Google, als auch Google selbst.

    Keine Frage, Google ist eine sehr innovative Firma. Aber fast alles (außer dem Suchmaschinenalgorithums), womit Google Furore macht, stammt nicht aus den eigenen Labors, sondern von anderen Unternehmen. Das gilt auch für die Contextual Ads. Vgl. diesen Artikel: http://searchenginewatch.com/sereport/article.php/2183531

    Google nutzt sein Suchmaschinenmonopol und seine Popularität um gute Ideen anderer unters Volk zu bringen. Dagegen ist aus meiner Sicht ja auch nichts einzuwenden. Google Desktop ist nur ein weiteres Beispiel dafür.

    >>Dass sich Google immer mehr auf dem Desktop, sprich auf Windows verbreitet nutzt zwar sicherlich auch Bill Gates, aber das eigentlich Wichtige dabei ist doch, dass durch die Präsenz auf dem Desktop immer mehr Dienste von Google genutzt werden, die auch dazu führen, dass Google mit seiner Werbestrategie daran verdient.

    Genau das ist der Punkt. Google macht diese Dinge nicht, um mit dem Desktopmonopolisten in dessen ureigenster Domäne zu konkurrieren, sondern nur, um das eigene Geschäft mit Werbedienstleistungen zu verbessern. Dabei geht es aber nur teilweise darum, mit Tools auf dem Desktop mehr Anwender auf die eigenen Dienste zu locken. Da gibt es kaum mehr was zu holen, weil sowie schon jeder Google benutzt. Der Hauptgrund ist meines Erachtens, dass Google Daten über seine Nutzer haben möchte (Surfverhalten, Inhalte aus E-Mails etc.). Diese Daten sind von unschätzbarem Wert für die Werbebranche.

    Aus all dem, was Google seit der IPO gemacht hat, kann man nicht schließen, dass man mit Webdiensten Microsofts traditionelles Lizenzgeschäft aufs Korn nehmen will. Es geht lediglich darum, die eigene Position als Werbedienstleister zu verbessern. Dabei muss man sich natürlich auch gegen Konkurrenten wie Yahoo! und Microsoft wehren.

    Mit einem Kampf um den Desktop hat das aber nichts zu tun. Diesen Eindruck wollen die Medien erwecken, weil sich so etwas gut verkauft. Bevor ich das jedoch glaube, muss mir mal jemand diese Webdienste nennen, die Microsofts traditionelles Geschäft gefährden könnten. Office im Browser? Ich kann mir das nicht vorstellen. Ein Großteil der Webdienste wird künftig wohl über .NET abgewickelt. Ein gemietetes Microsoft Office, das aus dem Internet geladen und auf .NET gestartet wird. Ja, das kann ich mir vorstellen.

    Aber welche Rolle sollte Google dabei spielen? Soll auf dem Google Desktop dann künftig Google Office laufen? Das wäre zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls nichts weiter als eine wilde Spekulation. Soll Gmail tatsächlich ein Vorbild für künftige Office-Anwendungen sein? Software, mit einem spartanischen Benutzerinterface, die kaum Features zu bieten hat, findet allenfalls bei einer Minderheit Anklang. Und dass es künftig eine Mehrheit geben wird, die bereit sind wird, Google Mails oder Textdokumente für Werbezwecke zur Verfügung zu stellen, ist auch ziemlich unwahrscheinlich. Am allerwenigstens werden Unternehmen Gefallen an dieser Idee finden. Doch nur so kann Google diese Dienstleistungen aber derzeit finanzieren.

    Man kann natürlich nie ausschließen, dass Google irgendwann auch mal in das äußerst lukrative Lizenzgeschäft (nach wie vor, obwohl schon oft tot gesagt) mit Desktopanwendungen einsteigen will. Momentan sehe ich dafür allerdings auch keine Hinweise.

  6. Kommentar von André Fiebig am 8.09.05 02:16:

    „Soll Gmail tatsächlich ein Vorbild für künftige Office-Anwendungen sein? Software, mit einem spartanischen Benutzerinterface, die kaum Features zu bieten “

    Und ich dachte, dass mir Gmail so gefällt, weil es innovativ ist und viele neue Features eingeführt hat.

    Danke, dass Sie mich aufgeklärt haben.

  7. Kommentar von Siegfried Hirsch am 25.11.05 14:08:

    Hab den Artikel und die Diskussion gerade nochmal durchgelesen und dabei fällt mir auf, dass sich Microsoft nun mit seinem Windows Live und Office Live wohl langsam auch auf die andere Seite zu schlagen versucht.
    Wenn man dann noch liest, dass sich Microsoft überlegt, die eigenen Produkte zu verschenken, wenn mit Werbung verbunden usw. usw. dann hab ich den Eindruck, dass ich wohl mit meiner Meinung doch richtiger lag.

  8. Kommentar von Michael Pietroforte am 26.11.05 18:20:

    Dass Webdienste aller Art (auch für Office) in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen werden, steht außer Frage. .NET wurde gerade in Hinblick darauf entwickelt. Microsoft hat also schon einige Jahre bevor die Google-Manie ausbrach, auf dieses Pferd gesetzt. Dass man für diese Webdienste neue Geschäftsmodelle ausprobieren wird, ist auch klar.

    Daraus lässt sich jedoch nicht folgern, dass dadurch das alte Geschäftsmodell geändert werden müsste. Diese Dienste sind als Erweiterung zu verstehen. Freilich könnte das alte Geschäftsmodell in Gefahr geraten (aber sicher nicht wegen Google), wenn man es versäumt, neue Features, die aus dem Web kommen, zu integrieren. Deshalb wird aber das alte System noch lange nicht ersetzt; es wird lediglich erweitert.

    Google hingegen hat auf der Desktop-Seite nichts, was es zu erweitern gäbe. Solange mir niemand erklären kann, wie man ein aufwändiges Benutzerinterface ohne einen „fetten Client“ baut, glaube ich auch nicht daran, dass Google dazu in der Lage wäre (wobei sich bei Google dafür wohl auch niemand interessiert), Microsofts traditionelles Geschäft zu gefährden. Vergleiche dazu auch meinen Beitrag Die alte Mär vom Tod der Fat Clients