Hauptproblem der Wikipedia ist nicht Authentizität, sondern Egomanie

Bei Technology Review ist ein interessanter Beitrag über Larry Sanger, einem der Gründer der Wikipedia, erschienen. Als Philosoph und Cartesianer ist er es gewöhnt, an der Authentizität von Informationen zu zweifeln. Da aber im Falle der Wikipedia so viele um die Objektivität eines Beitrags bemüht sind, muss man sich dort die geringsten Sorgen über den Wahrheitsgehalt machen. Einer der Gründe, weshalb Sanger bei der Wikipedia ausstieg, waren die "revert wars".

Offenbar gibt es eine ganze Menge Egomanen, die es nicht ertragen können, wenn jemand den eigenen Beitrag korrigiert. Und so scheint es regelrechte "Rechthaberkriege" zu geben. Ich muss zugeben, dass ich die Diskussionen und die Änderungen, die ein Artikel durchlaufen hat, oft viel spannender finde als den Inhalt selbst. Man kann dort sehr schön sehen, dass es doch recht häufig unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, wie die objektive Darstellung eines Sachverhalts auszusehen hat.

Gerade deshalb halte ich übrigens den Objektivitätsanspruch der traditionellen Medien für weltfremd. Nur weil ein Beitrag offiziell bei einem Verlag erschienen ist und sich zwei bis drei Leute über den Wahrheitsgehalt einig waren, heißt das noch lange nicht, dass ein Sachverhalt wirklich korrekt dargestellt wurde.

Das Egomanieproblem der Wikipedia ließe sich meiner Ansicht nach in den Griff bekommen. Derzeit ist die Rechtestruktur in Bezug auf Inhaltliches dort ziemlich flach. Ich denke, es würde Sinn machen, verdienten Wikipedianern einen höheren Rang einzuräumen. Sie müssten in der Lage sein, irgendwann ein Machtwort zu sprechen und einem revert war ein Ende zu setzen.

Denkbar wäre etwa, dass ranghöhere Autoren in irgendeiner Form von allen Wikipedianern oder von einer Gruppe mit einem niedrigeren Rang gewählt werden. Vielleicht würde es aber auch schon reichen, wenn man den Administratoren entsprechende Rechte erteilt.

Vermutlich ist dieser Gedanke schon mal woanders geäußert worden. Aber nach dem er in dem Technology Review Beitrag keine Erwähnung fand, scheint er bisher noch keine allzu weite Verbreitung erfahren zu haben.

Technology Review: Larry Sanger’s Knowledge Free-for-All

5 Kommentare

  1. Kommentar von Wolfgang Sommergut am 25.12.04 19:37:

    >Offenbar gibt es eine ganze Menge Egomanen, die es
    >nicht ertragen können, wenn jemand den eigenen
    >Beitrag korrigiert.

    Das ist garantiert kein Privleg der Wikipedia. Jeder Redakteur kann dir Geschichten von freien Autoren erzählen, die das Redigieren ihrer Texte als unerhörten Eingriff in ihre Kunstwerke interpretieren.

  2. Kommentar von Michael Pietroforte am 25.12.04 20:04:

    Ich hoffe, du zählst mich da nicht auch dazu. 😉

  3. Kommentar von Unbekannt am 12.01.05 19:52:

    Die Egomanie liegt doch wohl eher bei den verdienten? Wikipedianern. Die wenigen Sonderrechte die sie haben nutzen sie um das System in das konzeptionelle Korsett eines Verlagsprints zu zwängen. Da müssen wohl noch einíge Denkschranken fallen, bis ein kebendiges modernes Lexikon entsteht.

    Da hoffe ich persönlich das die klassischen Lexikaverlage diese Wikikrankheit ausgleichen. Wie wäre jeder Nutzer dankbar gerade bei aktuellen Themen anklickbare Links in den Artikeln zu finden.

    Doch gerade die vielgelobten Wikivorturner leben die gleiche Gruppenarroganz wie Redakteure klassischer Medien:

    Du sollst keinen anderen Gott haben neben mir.

  4. Kommentar von Michael am 3.02.05 11:12:

    hallo,

    kannst Du den artikel aus dem MIT mal komplett posten bzw. mailen? Über den link kommt man „nur“ auf eine subsriber-Seite.
    Besten Dank
    Michael

  5. Kommentar von Michael Pietroforte am 3.02.05 19:10:

    Der Artikel war offenbar nur für eine gewisse Zeit kostenlos im Netz zu haben. Selbst wenn ich den Text noch hätte, könnte ich ihn hier nicht einfach posten. Ich fürchte, dass man sich daran gewöhnen muss. Die Zeiten des freien Internets gehen langsam aber sicher dem Ende entgegen. Vieles wird künftig nur noch gegen Cash zu haben sein.