Ist Google Print gescheitert?

Etwa ein Jahr nach der Ankündigung im großen Stil Bücher einscannen zu wollen, legt man bei Google Print jetzt erst mal eine Auszeit bis November ein. Offenbar ist das Projekt in der Verlagswelt auf wenig Begeisterung gestoßen. Wie bieten ja an der Uni München seit einiger Zeit E-Books zum Verleih an. Bislang gibt es leider nur einen verschwindend kleinen Teil der Bücher in digitaler Form. Technologisch gesehen stehen die Buchverleger ungefähr da, wo die Musikindustrie zu Zeiten der guten, alten Schallplatten stand.

Vermutlich wollen viele Buchverleger den Fehler der Musik- und Filmindustrie nicht wiederholen. „Analog Rights Management (ARM)“ ist halt immer noch effektiver als DRM. Sind die Inhalte erst mal in digitaler Form verfügbar, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie in den Tauschbörsen auftauchen.

Dabei unterschätzt man meiner Ansicht nach aber die neuen Chancen, die das Online-Geschäft bietet. Apple hat mit iTunes vorgemacht, dass man mit einem runden Angebot, die Leute durchaus davon abhalten kann, sich die gleichen Titel kostenlos in den Tauschbörsen zu holen. Außerdem glaube ich, dass viele der iTunes-Kunden die entsprechenden Titel nicht auf CD erworben hätten. Es handelt sich also vermutlich zu einem nicht unerheblichen Teil um einen neuen Markt.

Ein ähnliches Phänomen sehen wir bei unserem E-Book-Verleih. Das Angebot wird außergewöhnlich gut von den Studenten angenommen. Es sind nur wenige Mausklicks notwendig und schon hat man das Buch zu Hause. Der Weg in die Bibliothek und das tagelange warten entfällt. Viele dieser Bücher wurden mit Sicherheit nur deshalb ausgeliehen, weil sie elektronisch verfügbar sind. Das hat nichts mit der sprichwörtlichen Faulheit der Studenten zu tun, sondern ist ganz einfach eine Zeitfrage. Ähnlich würde das auch beim Verkauf von E-Books funktionieren, wenn die Verlage nur die deutlich niedrigeren Herstellungs- und Vertriebskosten an die Kunden weitergeben würden.

Doch bis auf weiteres wird das wohl nicht passieren. Die Verlagswelt ist extrem konservativ. Man wird sich mit Händen und Füßen wehren, das „Kulturgut Buch“ als Billigware zu verhökern. Das funktioniert aber eben nur so lange, wie man die Kundschaft zwingen kann, sich die hochpreisigen Schinken aus dem Buchladen zu holen.

Und genau das ist das Problem von Google Print. ARM hat sich über Jahrhunderte bewehrt und DRM hat bislang nicht funktioniert. Wären Buchtexte erst mal in digitaler Form verfügbar, wäre der Damm gebrochen. Den Beteuerungen von Google, dass das alles sicher sei, werden nur die wenigsten Verleger Gehör schenken. Nicht auszuschließen ist, dass hier eine Chance für neue Verlage entsteht. Mit der Hilfe von Google Print, hätte man die Möglichkeit, recht schnell an neue Kundschaft heranzukommen.

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8 Kommentare

  1. Kommentar von Usul am 13.08.05 13:02:

    Was zum wirklichen Ebook noch fehlt, ist ein guter Offline-Reader. Mir schwebt da so ein kleines Gerät mit sagen wir mal etwa A5 großen, hochauflösendem Display vor, was einfach nur digitiale Dokumente anschauen kann, mehr nicht. Vielleicht noch eine Lesezeichenfunktion, aber das reicht schon. Der Erfolg von iTunes ist ja auch eng mit dem iPod verknüpft, solche Synergieeffekte darf man nie unterschätzen.

    Das beschriebene Ebook-Gerät dürfte heute locker für um die 100 Euro realisierbar sein, wenn die Stückzahl stimmt, das Teil braucht nicht viel Speicher, nicht viel CPU-Power, das Display muß nicht schnell sein, nur hochauflösend (E-Paper vielleicht?). Als Zusatzfunktionen könnte man sich vorstellen, das man sich mit Anbindung an einen PC aktuelle Nachrichten drauf laden kann usw. Dann wirds auch gleich noch Konkurrenz zur Tageszeitung und zum Einkaufszettel 🙂 Alle bisherigen Ebook-Reader sind für meinen Geschmack zu teuer und das Marketing passte nicht so recht. Eigentlich könnte sich Apple der Sache mal annehmen, aber die haben schon ein Produkt mit dem Namen iBook, so ein Mist aber auch. Also wird es wohl der iReader werden müssen.

  2. Kommentar von Michael Pietroforte am 13.08.05 13:36:

    Da gebe ich Dir vollkommen Recht. E-Books werden erst dann zu einer echten Alternative zu den P-Books, wenn es vernünftige Lesegeräte gibt. Alle E-Book-Lesegeräte sind bislang an zwei Dingen gescheitert: am Preis und dass man sonst nichts damit machen konnte. Ein Tablet-PC, oder von mir aus auch ein „iReader“, mit dem man drahtlos im Internet surfen kann und der nicht mehr als 300 Euro kostet, würde die Nachfrage nach digitalem Lesestoff in Buchlänge um mindestens eine Größenordnung erhöhen

  3. Kommentar von Usul am 13.08.05 14:52:

    Nun ja, der Nokia 770 [1] geht ja in diese Richtung. Für meinen Geschmack zu teuer (hab jetzt kein Quelle zu Hand, aber irgendwas zwischen 400 und 600 € im Kopf) und auch zu klein. Hier kann man sich aber wieder trefflich streiten, was besser ist, ein Gerät, was teuer ist, aber mehr kann, oder eins, was billiger ist, dafür mit weniger Features. Ich bevorzuge irgendwie in dem Fall letzteres. Einfach einen Reader, vielleicht mit Card-Reader (256MB reichen bei Textdokumenten ja meilenweit), gutem Display, langer Laufzeit, fertig. Wenn man surfen will, braucht man wieder Eingabemöglichkeiten usw., dann wirds wieder teuer. Wenn ich mal träumen darf, wäre es für 100€ für viele akzeptabel, ab 50€ gibts auch für den Ottonormalverbraucher nicht mehr viele Argumente dagegen. Wenn das Angebot an Inhalten stimmt …. Der Preisverfall arbeitet ja für uns.

    P.S. Schade, das es keine Emailbenachrichtigung bei neuen Beiträgen gibt, wenn man selber was geschrieben hat. Ja, es gibt den Kommentar-Newsfeed, aber der ist halt nicht so selektiv ….

    [1] http://www.nokia.com/770/

  4. Kommentar von Michael Pietroforte am 13.08.05 15:19:

    Lesegeräte, die ausschließlich für E-Books genutzt werden können, haben das Problem, dass kaum ein Verlag bereit ist, dafür Bücher zu liefern, wenn nicht bereits eine gewisse Stückzahl davon verkauft wurde. Hier schlägt also die Henne-Ei-Falle zu. Ein Tablet-PC, der nur zum Surfen taugen muss, wäre auch nicht teuer. Ein weiterer Vorteil einer solchen Lösung wäre, dass man dann aus Büchern ins Internet, z.B. auf ein Wörterbuch oder die Wikipedia, verlinken kann.

    Das mit der E-Mail-Benachrichtigung habe ich schon seit längerem vor. Besten Dank für den Motivationsschub. 😉

  5. Kommentar von Usul am 13.08.05 16:30:

    Nun ja, wenn ich mal wieder völlig losgelöst von realen Marktgegebenheiten meine Wünsche äußern dürfte, dann würde mir ein portabler PDF- bzw. HTML-Viewer schon genügen. PDFs gibts auch so in Hülle und Fülle, und wenn man dann den Viewer mit so einer Art Offline-Bloglines verbindet (funktioniert natürlich nur, wenn wirklich Inhalte vorhanden sind und nicht nur Teaser), dann wäre der Wert für mich auch schon sehr hoch, ohne das es jetzt schon spezielle Verlagsangebote gibt.

  6. Kommentar von Michael Pietroforte am 13.08.05 16:58:

    Eben, aber ein solcher HTML-Viewer ist ja im Prinzip schon so eine Art „Web-Lesegerät“.

  7. Kommentar von Fotis Jannidis am 18.08.05 14:06:

    Tatsächlich legt Google keine Auszeit ein, sondern verlagert das Scannen lediglich erst einmal auf die Bücher, die nicht durch Copyright geschützt sind. Da der Plan ja immer war, die ganzen Bibliotheken zu scannen, gibt ihnen das Zeit, die Probleme mit den Verlagen zu klären, ohne das Projekt anzuhalten.

  8. Kommentar von Michael Pietroforte am 18.08.05 20:00:

    Hallo Fotis!

    Du hast natürlich Recht, nur das Scannen durch Copyright geschützter Bücher wird ausgesetzt. Allerdings sind diese Titel zumindest aus wirtschaftlicher Sicht wesentlicher interessanter. Sollte es Google nicht gelingen, namhafte Verlage mit ins Boot zu bekommen, steht damit vielleicht das ganze Projekt auf der Kippe. Ich frage mich, wieso man sonst ein konkretes Datum genannt hat.