Ist Open Source nur Flower Power?

Fotis Jannidis hat in einem Kommentar auf meinen Beitrag, dafür argumentiert, dass bei der Wahl eines Softwareproduktes auch soziale und politische Aspekte eine Rolle spielen sollten. Da meine Antwort darauf etwas länglich ausgefallen ist, habe ich das Ganze in einen neuen Beitrag gepackt.

Fotis, der Vergleich zwischen Atomkraftwerken und dem IE ist etwas weit hergeholt. Ich kann beim besten Willen nicht erkennen, dass vom IE beziehungsweise von Microsoft irgendeine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht. Eine Entscheidung für oder gegen den Einsatzes eines Produktes auf der Basis einer Verschwörungstheorie zu treffen, ist zumindest in einem professionellen Umfeld kaum zu rechtfertigen. Ebenso wenig Sinn macht es, ein gutes Programm nur deshalb nicht einzusetzen, weil man dem Billy seine Billions nicht gönnt.

Es mag durchaus sein, dass Microsoft immer wieder mal mit unlauteren Methoden arbeitet. Allerdings gibt es gerade in der IT-Branche einige Unternehmen, die zumindest in dieser Hinsicht ganz gut mit den Redmondern mithalten können. Es ist Sache der Gerichte oder gegebenenfalls auch der Politik, in diesen Fällen dann einzuschreiten. Jedenfalls sind satte Gewinne eines Unternehmens für mich eher ein Argument für dessen Produkte als dagegen. Zeigt es doch, dass eine große Mehrheit sich für dieses Unternehmen entschieden hat.

Ich denke schon, dass Open Source grundsätzlich das Zeug dazu hat, Microsoft Paroli zu bieten. Der Open-Source-Bewegung ist aber nicht gedient, wenn man eine Software hauptsächlich deshalb verwendet, weil sie von ein paar sympathischen, selbstlosen Kerlen programmiert wurde. Man tut ihnen damit nicht wirklich einen Gefallen. Wer sich auf dem Softwaremarkt langfristig halten will, braucht vor allem eines: ein konkurrenzfähiges Produkt.

Solange Open Source maßgeblich von einer Protestbewegung getragen wird, wird die Gates-Company auch weiterhin unbeirrt einen Rekordumsatz nach dem anderen einfahren. Wenn es nicht gelingt, Software für eine breite Mehrheit zu entwickeln, wird es der Open-Source-Bewegung vielleicht einmal ähnlich ergehen wie einst der Flower-Power-Bewegung…

2 Kommentare

  1. Kommentar von Fotis Jannidis am 13.03.04 02:49:

    Michael, mir scheint, Du verfehlst den Kern meines Einwands. Der lautet: Die Perspektive der Netzadministration allein reicht nicht aus, um den Internet Explorer zu bewerten. Mein Vergleich mit dem Kernkraftwerk sollte die wenig strittige Tatsache verdeutlichen, daß technische Erzeugnisse selbstverständlich soziale und politische Folgen haben. Die sollte man wohl bei bei einer allgemeinen Bewertung miteinbeziehen, wenn es nicht nur um den Austausch von Netzadministratoren geht.

    Schon aus technischer Perspektive läßt sich doch noch sehr viel über den IE sagen, z.B. aus der Sicht eines Webdesigners, Content-Managers oder auch eines Programmierers eines html-renderers. Hinzu kommen die anderen Aspekte.

    Noch was:
    Ich bin mir nicht sicher, ob Du Deiner Position einen Gefallen getan hast, als Du schriebst „Es mag durchaus sein, dass Microsoft immer wieder mal mit unlauteren Methoden arbeitet.“ und dann kurz dahinter: „Jedenfalls sind satte Gewinne eines Unternehmens für mich eher ein Argument für dessen Produkte als dagegen.“

    Satte Gewinne können nur dann ein gutes Zeichen für Popularität sein, wenn der Wettbewerb gegen die Konkurrenz sauber läuft; ansonsten geht es nur darum, wer besser manipuliert. Das kann man mit dem Hinweis auf ein zweites schwarzes Schaf nicht gut aus der Welt schaffen.

    Ach, und noch was. Du meintest in Deinem ursprünglichen Artikel: „Wer sein System praktisch täglich vollkommen automatisiert mit den neuesten Updates versorgt, muss sich über Sicherheitslücken keine allzu großen Sorgen machen.“

    Heise heute: „Die Sicherheitsfirma eEye Digital Security hat eine Seite mit Angaben zu derzeit noch offenen Sicherheitslücken veröffentlicht, von denen eEye drei Windows-Probleme mit dem Vermerk Severity: High versah. Über zwei dieser kritischen Windows-Lücken habe man Informationen vor über einem halben Jahr an Microsoft weitergeleitet. […] Microsoft bestätigte gegenüber heise Security, dass man die Seite und die dort aufgeführten Probleme kenne. Sie würden derzeit untersucht, es sei aber bereits klar, dass zumindest Anlass zur Besorgnis bestehe. Auf einen Erscheinungstermin für Patches wollte sich Microsoft jedoch noch nicht festlegen.“

    Um open source mach ich mir übrigens keine Sorgen. Und Dein Vergleich mit flower power ist gut und zeigt, warum: Wenn man genau hinschaust – Geschichtsbücher, Filme, Eltern usw. – wie die 1950er Jahre aussahen, dann siehst man, daß heute alle flower power sind. Diese Revolution wurde gewonnen.

  2. Kommentar von Michael Pietroforte am 13.03.04 19:29:

    Fotis, der Kern Deines Einwands ist mir schon klar. Und meine Position dazu ist, dass es weder im Falle von Netzadministratoren noch sonst irgendwie eine soziale oder politische Dimension in Bezug auf die Bewertung des Internet Explorers gibt.

    Die technische Perspektive des Web-Designers oder Programmierers ist sicher nicht uninteressant. Vielleicht kann man den Wolfgang dazu überreden, mal einen Beitrag über die Nachteile des Internet Exploders (wie er ihn gerne nennt) zu verfassen. Ich vermute, er hätte diesbezüglich einiges in petto. Ansonsten, Fotis, sind kompetente Gastautoren auf Cydome immer willkommen. 😉

    Die satten Gewinne Microsofts sind meiner Ansicht in keinster Weise auf die unlauteren Methoden zurückzuführen. Im Gegenteil, diese Methoden haben Microsoft einen enormen Image-Schaden zugefügt. Man könnte sogar soweit gehen und behaupten, dass der eigentliche Vater von Linux nicht Linus Torvalds, sondern Bill Gates heißt. (Was ich natürlich nie machen würde. ;-)) Jedenfalls glaub ich nicht daran, dass wenn eines Tages doch mal ein Gericht Microsoft ernsthafte Auflagen auferlegt, es dann Millionen von Windows-Anwendern wie Schuppen von den Augen fällt, dass sie all die Jahre nur manipuliert wurden und sie eigentlich schon immer Linux benutzen wollten.

    Ich fürchte, da machen sich die Leute aus der Open-Source-Szene wirklich etwas vor. So leicht lassen sich 10 Milliarden Dollar Umsatz in einem Quartal nicht wegdiskutieren. Open-Source-Programmierer täten gut daran, sich nicht hinter solchen Ausflüchten zu verstecken und den eigentlichen Grund für den Erfolg Microsofts zu akzeptieren. Und wie jeder weiß, ist es vor allem die einfache Benutzbarkeit von Software, die die Grundvoraussetzung für die Erschließung eines Massenmarktes darstellt. Da hinkt Open Source noch um Jahre hinterher. Zeitweise habe ich sogar den Eindruck, dass sich der Abstand in diesem Bereich eher noch vergrößert.

    Ich weiß, dass Meldungen über Sicherheitslücken in Windows oder dem IE für die Presse immer ein gefundenes Fressen sind. Das ist ja auch verständlich, denn es verkauft sich gut. Für die Praxis ist das allerdings ziemlich irrelevant. Mit der Vogelgrippe war es ähnlich. Sollte ich nur, weil ich ein ungepatchtes Sicherheitsleck in meinem Immunsystem habe und weil ein paar Journalisten Panikmache betreiben, nicht nach Asien fahren?

    Bei den großen Seuchen im Internet hat es bisher immer die schlecht gewarteten Systeme erwischt. Entscheidend ist, ob es entsprechende Exploits gibt, beziehungsweise ob ein Wurm unterwegs ist, der die Sicherheitslücke ausnutzt. Müsste man nur, weil man jetzt festgestellt hat, dass Linux das unsicherste Serverbetriebssystem ist und ebenfalls unzählige Sicherheitslücken aufweist, mit seinem Webserver gleich wieder auf Windows umsteigen? Nein, natürlich nicht. Und was den Erfolg von Flower-Power angeht, vertreten wir wohl auch eine andere Ansicht. Die Amis werfen immer noch ihre Bomben über fremden Ländern ab, das Großkapital gibt mehr denn je den Ton an, und die Blumenkränzchen waren auch eher ein Flop. 😉