Scheitert Microsoft mit MSN Filter aufgrund von mangelender Fairness?

Wolfgang Sommergut vertritt die Auffassung, dass MSN Filter und Unternehmungen, die mit ähnlichen Konzepten arbeiten, nur geringe Aussicht auf Erfolg haben. Als Grund nennt er die mangelnde Fairness, die solchen Modellen häufig zugrunde liegt. Ich glaube, dass Fairness größtenteils im Web nur eine untergeordnete Rolle spielt (leider) und dass hier für den Erfolg oder Misserfolg von Geschäftsmodellen andere Faktoren von Bedeutung sind.

Um seine These zu untermauern, verweist Wolfgang auf ein typisches spieltheoretisches Experiment. In Versuchen dieser Art zeigt sich immer wieder, dass Probanden erfolgreicher agieren, wenn sie sich fair verhalten. Der Haken bei all diesen Experimenten ist, dass diese künstlich hergestellten Situationen nur wenig mit der Realität zu tun haben. Die ist in aller Regel viel komplexer, hängt also von einer Vielzahl von Faktoren ab. Insbesondere die Tatsache, dass den Versuchsteilnehmern sofort bewusst wird, in welchem Ausmaß sie von einem Spielpartner übers Ohr gehauen wurden, ist eine weitgehend unrealistische Annahme.

Gerade im Web läuft dieses Spiel ganz anders ab. Es gibt ja bereits unzählige Anbieter, die versuchen, mit usergenerierten Content zu verdienen. Man denke an die zahlreichen Foren, Blog-Hoster, Photo-Manager, RSS-Aggregatoren oder Social-Bookmark-Systeme. Niemand fragt hier danach, ob und wie viel die Betreiber dieser Dienste dabei verdienen. Die Leute sind offenbar ganz wild darauf, ihren Content kostenlos loszuwerden.

Ein anderes Beispiel ist Google. Google lebt wie kein anderes Unternehmen vom kostenlos beigesteuerten Content anderer. Wäre es nicht fair, wenn Google den Website-Betreibern von seinen Milliarden etwas abgeben würde? Regt sich irgendjemand darüber auf, dass Google Geschäfte mit dem eigenen Content macht?

Gerade dann, wenn man sein Gegenüber nicht als Person, sondern als mehr oder weniger anonyme Organisation wahrnimmt, kommt es hauptsächlich darauf an, was für einen selbst dabei herausspringt. Website-Betreiber biedern ihren Content Google geradezu an, weil sie davon ja auch profitieren. Dass Google weitaus mehr aus dieser Partnerschaft herausholt, spielt offenbar keine Rolle. Wichtig ist dabei auch, dass niemand genau einschätzen kann, wie fair oder unfair dieses Verhältnis wirklich ist. Es liegt hier also eine ganz andere Situation vor, wie bei spieltheoretischen Simulationen.

Selbst bei Google Mail, wo die Herren Page und Brin mit privatem Content abkassieren wollen, nehmen die meisten dies nicht als unfair wahr. Und warum auch? Schließlich erhält man dafür ein Mail-Programm, mit dem man prima taggen kann.

Wieso sollte das bei MSN Filter anders sein? Weil Microsoft dahinter steckt? Im Gegenteil! Ich glaube, dass jeder, der es schafft, dort hineinzukommen, sich als Held fühlen wird. Und genau darum geht es ja wohl vielen Bloggern. Dass Herr Gates dabei wieder um ein paar Dollar reicher wird, wird den meisten nicht bewusst werden. Und vielen wäre das sowieso egal.

Die andere Frage ist, ob man bei reinem Blog-Hosting erwarten kann, an qualitativ hochwertigen Content zu kommen. Daran glaubt man bei Microsoft scheinbar nicht, weshalb die Blogger von MSN Filter ja auch bezahlt werden. Insofern verhalten sich die Redmonder hier fairer als viele andere, die sich in diesem Geschäftsfeld tummeln.

Sie auch: MSN Filter: Microsoft steigt ins Geschäft mit Blog-Content ein

2 Kommentare

  1. Kommentar von Wolfgang Sommergut am 16.08.05 23:34:

    > Der Haken bei all diesen Experimenten ist, dass diese künstlich hergestellten
    > Situationen nur wenig mit der Realität zu tun haben. Die ist in aller Regel
    > viel komplexer, hängt also von einer Vielzahl von Faktoren ab.

    Ohne mich in die Rolle des Verteidigers der experimentellen Psychologie begeben zu wollen: Dein Einwand ist allzu trivial, du kannst davon ausgehen, dass Generationen von Psychologen darauf auch schon gekommen wären. Der Witz an der Laborsituation besteht ja gerade darin, dass die “Störgeräusche” einer komplexen Umwelt ausgeblendet und bestimmte Variablen in ihrer reinen Form untersucht werden sollen. Davon kann man halten was man will, aber dieses Verfahren hat bereits zu einigen interessanten Ergebnissen geführt.

    Was den Stellenwert von Fairness im Web anlangt: Ich glaube, dass es ein wesentliches Kriterium für den Erfolg von Online-Geschäften ist, ein Gespür für die Web-Kultur zu besitzen. Wer sich als Firma nur bedienen möchte und dafür nichts gibt, kann sich schnell einen schlechten Ruf einhandeln. Spontan fällt mir Izynews ein, das in der deutschen Blogosphere einen Sturm der Entrüstung verursachte (“Content-Klau”). Auch Google wurde vorgeworfen, seine Plattform auf Open Source aufzubauen und nichts zurückzugeben: http://blog.kowalczyk.info/archives/2004/12/29/google-we-take-it-all-give-nothing-back

    Die von dir genannten Fälle empfinden die meisten Benutzer offenbar als einen fairen Tausch, etwa bei Social-Bookmark-Systemen oder Foto-Managern. Wenn ein Service mir kostenlos nützliche Funktionen zur Verfügung stellt, dann soll er ruhig auch was davon haben. Aber wenn etwa Verlage auf die Idee kommen, Blogger als billige Content-Lieferanten zu betrachten, deren Lust am Schreiben man ausnutzen möchte, dann geht diese Rechnung nicht auf.

  2. Kommentar von Michael Pietroforte am 17.08.05 19:43:

    >> Ohne mich in die Rolle des Verteidigers der experimentellen Psychologie begeben zu wollen: Dein Einwand ist allzu trivial, du kannst davon ausgehen, dass Generationen von Psychologen darauf auch schon gekommen wären.

    Ich habe während meines Studiums schon zu viel Zeit mit Diskussionen über dieses Thema liegengelassen. Nur so viel: Es sind tatsächlich schon Generationen von Psychologen auf diesen Einwand gekommen. Eine beliebte Spielwiese für Spieltheoretiker aus der Psychologie ist übrigens die KI-Forschung. Und wie gut deren simplifizierte Modelle funktioniert haben, ist ja allgemein bekannt.

    In dem von Dir erwähnten Zusammenhang interessieren sich im Übrigen für die Spieltheorie hauptsächlich Wirtschaftswissenschaftler und weniger die Psychologen. Denen geht es dann häufig auch nicht darum, nachzuweisen, dass es sich bei menschlichen Wesen um eine in erster Linie von sozialen Instinkten getriebene Spezies handelt. Die wollen eher herausfinden, wie man am leichtesten an das Geld anderer Leute kommt. Meines Wissens haben die Ergebnisse dieser Forschung in ihrer 60 jährigen Geschichte nicht dazu geführt, dass es im Wirtschaftsleben heute fairer zugeht.

    >>Was den Stellenwert von Fairness im Web anlangt: Ich glaube, dass es ein wesentliches Kriterium für den Erfolg von Online-Geschäften ist, ein Gespür für die Web-Kultur zu besitzen. Wer sich als Firma nur bedienen möchte und dafür nichts gibt, kann sich schnell einen schlechten Ruf einhandeln.

    Wenn diese These richtig wäre, dann dürfte es keine Microsofts mehr im Web geben. MSN Spaces etwa, ist trotz des miserablen Rufs dieser Firma und zahlreicher gerümpfter Bloggernasen ein Erfolg geworden. Die Leute benutzen Microsoft-Produkte sicher nicht deshalb, weil sie diese Firma für besonders fair halten.

    Und wenn man sich erfolgreiche „Geschäftsmodelle“ aus dem Reich der Spammer, Phisher, Spielhöllenbetreiber etc. ansieht, hat man eher den Eindruck, dass es in Teilen des Web ungefähr so fair zugeht wie auf einem amerikanischen Gefängnishof. Das zum Thema Web-Kultur. Wenn man jemanden Modem, Maus und Tastatur in die Hand drückt, wird er deshalb nicht gleich zu einem besseren Menschen. Im Web spiel Fairness sicher keine bedeutendere Rolle als in anderen Bereichen menschlichen Treibens.

    >>Aber wenn etwa Verlage auf die Idee kommen, Blogger als billige Content-Lieferanten zu betrachten, deren Lust am Schreiben man ausnutzen möchte, dann geht diese Rechnung nicht auf.

    Da stimme ich Dir zu. Für Verlage funktioniert dieses Modell nicht, weil sie auf hochwertigen Content angewiesen sind. Mit Billigcontent schaden sie ihrem Renommee und gefährden damit ihr traditionelles Geschäft. Autoren, die guten Content anzubieten haben, finden doch meist jemanden, der bereit ist, dafür zu zahlen. Blog-Hoster, die auf andere Geschäftszweige keine Rücksicht nehmen müssen, können aber durchaus mit der „Lust am Schreiben“ verdienen. Dabei wird eher auf Masse statt auf Klasse gesetzt. Bei der Namensgebung von MSN Spaces und MSN Filter wollte man wohl diesen unterschiedlichen Geschäftsmodellen Rechnung tragen.