Süddeutsche Zeitung über Wikinews

Offenbar macht der Betatest der Wikinews die traditionellen Medien nervös. Vor ein paar Tagen erschien der Verriss beim Spiegel und heute legt die SZ mit einem allerdings wesentlich besseren Beitrag nach. Titus Arnu, der Verfasser, zeigt gleich im ersten Absatz, dass er sich wirklich mit dem Thema auseinandergesetzt hat:

Wenn Sie diesen Text lesen und er Ihnen nicht gefällt ja, dann schreiben Sie doch einfach selbst einen. Aber rechnen Sie damit, dass er immer wieder umgeschrieben, verbessert, gekürzt und womöglich gelöscht wird, falls er nicht auf breite Zustimmung stößt. Dieses Prinzip ist total modern und heißt Wikisophie.

Seine Kritik geht dann auch auf dieses neue Konzept des Nachrichtenschreibens
ein:

Je mehr Menschen sich an der Erstellung von News beteiligen, so glauben die Wiki-Fans, desto größer die Authentizität. Genau das könnte aber die Schwäche sein: Wenn tausend Leute eine erfundene Meldung glauben, wird sie nicht richtiger.

Dieses Argument klingt zunächst plausibel. Dem entgegenhalten kann man jedoch, dass "erfundene Meldungen" auch von Journalisten unters Volk gebracht werden und die Gefahr dafür kaum geringer ist. Man denke etwa an das, was tagtäglich von "Journalisten" über Prominente verbreitetet wird und wie oft solche journalistischen Glanzleistungen dann auch vor dem Kadi landen. Und wer hat die Kampagne der Bild-Zeitung während der letzten Bundestagswahl vergessen? Wie einfach war es doch, Journalisten gegen die Bundesregierung einzustimmen. Wenn von oben die entsprechende Anweisung kommt, schreibt man halt das, was opportun ist.

So etwas ist in einem System, wo jeder mitmischen kann, kaum denkbar. Falschmeldungen bzw. eine voreingenommene Berichterstattung wird es immer geben, in der Blogosphere, in den Wikis und auch in der "Snail-Press". Die Gefahr des Missbrauchs ist meines Erachtens aber weitaus geringer, wenn das Verfassen von Nachrichten auf eine möglichst breite Basis gestellt wird. Darin sehe ich einen der interessantesten Aspekte der Wikinews.

Süddeutsche Zeitung: Bürger Journalist (nur für Abonnenten)

Nachtrag: Derzeit ist der Beitrag auch kostenlos verfügbar. (Hinweis von Mathias Schindler s.u.)

3 Kommentare

  1. Kommentar von Wolfgang Sommergut am 10.12.04 16:22:

    Ich staune, dass du dich so schnell vom Open-Source-Prinzip hast überzeugen lassen 🙂 Wie war das bei Linux, das sich nicht für den Hochsicherheitsbereich eignet (http://www.cydome.de/mpietroforte/archives/000308.shtml ):

    „Wer kann sicherstellen, dass bei dieser Vielzahl von über den Globus verstreuten Programmierern nicht auch schwarze Schafe dabei sind?“

    Und wer kann sicherstellen, dass bei einer Vielzahl von über den Globus versteuten Wikinews-Autoren keine Kriminellen, Verrückte oder Spaßvögel ihr Unwesen treiben?

    Oder gilt doch auch für Open Source: „Die Gefahr des Missbrauchs ist meines Erachtens aber weitaus geringer, wenn das Verfassen von Nachrichten [bzw. Programmcode] auf eine möglichst breite Basis gestellt wird.“ (und bei OSS hat natürlich nicht jeder Schreibrechte wie bei einem Wiki).

    Und bitte nicht damit argumentieren, dass man mit Nachrichten nicht so viel Schaden anrichten könne wie mit einem Computer-Virus: Ein bösartiges Gerücht über ein Unternehmen kann dessen Aktienkurs umgehend in den Keller schicken.

  2. Kommentar von Michael Pietroforte am 10.12.04 17:09:

    Zunächst einmal ist es falsch, wenn Du mir unterstellst, dass ich grundsätzlich etwas gegen Open Source hätte. Was mich stört, ist, dass Open Source häufig als Allheilmittel für die Softwarebranche angesehen wird. Das gilt auch für die Sicherheitsthematik.

    Ich gebe zu, dass es zwischen Open Source und dem Wiki-Prinzip gewisse Parallelen gibt. In Bezug auf Sicherheit gibt es aber einen wesentlichen Unterschied.

    Bei einem komplexen System, wie etwa Linux, ist es kaum möglich, jede Zeile Code zu überprüfen. Sicherheitslücken sind freilich auch in Linux enthalten und sie werden oft erst Jahre nach der Programmierung der entsprechenden Anwendung entdeckt. In der Regel handelt es sich dabei um geringfügige Programmierfehler, die leicht zu korrigieren sind. Aber natürlich ist es auch möglich, absichtlich Sicherheitslücken einzubauen. Dem Hacker kann man dann unter Umständen noch nicht mal etwas nachweisen, denn es war ja nur ein Programmierfehler. Wegen der offenen Struktur von Open Source ist das hier viel einfacher möglich als bei Closed Source.

    Die Wikipedia etwa, hat genau das gleiche Problem. Offensichtliche Fehler werden zwar schnell entdeckt und dann auch korrigiert, aber bekanntermaßen sind subtile Veränderungen hier sehr schwer aufzuspüren. Doch stellen diese minimalen Veränderungen kein allzu großes Problem für die Wikipedia dar. Jedenfalls lassen sich so keine bösartigen Gerüchte verbreiten. Eine winzig kleine Veränderung in einem Computerprogramm kann jedoch eine riesige Sicherheitslücke reißen und das ist der entscheidende Unterschied.

  3. Kommentar von Mathias Schindler am 10.12.04 17:44:

    Den Artikel gibt es auch (derzeit noch) ohne Bezahlfunktion

    http://www.sueddeutsche.de/computer/artikel/463/44419/