Süddeutsche Zeitung: Eine Software namens Windows XP

Im heutigen Wirtschaftsteil (Seite 17) bringt die SZ einen Beitrag über den Start von Windows Vista, der es in sich hat. Da ist gleich zu Anfang von einer „Software namens Windows XP" die Rede. Kann es tatsächlich sein, dass der durchschnittliche SZ-Leser noch nie etwas von Windows XP gehört hat?

Weiter unten wird dann erläutert, was ein Betriebssystem eigentlich ist:

Betriebssystem sind Programme, die als Mittler zwischen Nutzer und Computer fungieren. Sie stellen Anwendungen wie einer Textverarbeitung oder einem Spiel im Hintergrund den benötigen Arbeitsspeicher zur Verfügung, sorgen dafür, dass mehrere Programme gleichzeitig auf einem Rechner laufen können oder übermitteln Daten an einen Drucker. Diese Jobs erledigen Betriebssysteme so, dass der Mensch von der Maschine möglichst wenig davon mitbekommt. Das Windows-System ist nicht das älteste Programm dieser Gattung…

Über die Qualität dieser Begriffserklärung lässt sich sicherlich streiten. (Der Satz über Mensch und Maschine passt wohl eher in eine Computerfibel für Siebenjährige.) Viel erschreckender ist für mich, eine solche Erklärung in einer Zeitung wie der Süddeutschen lesen zu müssen. Da das nicht der erste SZ-Artikel dieser Art ist, der mir in letzter Zeit aufgefallen ist, kann man dem Journalisten wohl keinen Vorwurf machen. Die Redaktion weiß vermutlich genau, was sie ihren Lesern zumuten kann. Daraus kann man folgern, dass die Worte „Betriebssystem" und „Windows XP" nicht unbedingt zum Wortschatz des durchschnittlichen deutschen Bildungsbürger gehören.

Ich komme gerade aus Taiwan zurück. Nach all dem, was ich dort erlebt habe, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass man in einer Zeitung vergleichbarer Qualität etwas Ähnliches drucken würde. (Nicht, dass ich die Zeitungen dort lesen könnte.) Man spürt da an allen Ecken und Enden die Technikaffinität der Taiwanesen. Statt Stempelkarten für öffentliche Verkehrsmittel gibt es Fahrkarten mit integrierten Funkchips. Selbst in einfachen Stadtbussen flimmern Videobildschirme, die einem die Langeweile vertreiben. In meinem Hotel verfügte jedes Zimmer über einen eignen VDSL-Router und über das Fernsehgerät hatte ich jederzeit Zugriff auf den Hotelcomputer, um mich über den aktuellen Stand meiner Rechnung zu informieren.

Wenn man nach solchen Eindrucken in einer deutschen Zeitung, deren Leser sich zumeist für gebildet halten, erklärt bekommt, was ein Betriebssystem ist, dann ist das schon irgendwie beängstigend.

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