Weshalb Linux auf dem Desktop bereits ein Erfolg ist

Wolfgang Miedl vertritt in einem Beitrag auf cyDome die Auffassung, dass Linux auf dem Desktop aufgrund der mangelhaften Usability bislang gescheitert ist. Ich hingegen glaube, dass Linux längst auch auf dem Desktop ein Erfolgsprojekt ist. Genau in diesem Umstand sehe ich wiederum den Grund, warum es den Linux-Distributionen so schwer fällt, Microsoft nennenswerte Marktanteile abzujuxen.

Der Erfolg eines Projektes bemisst sich ja doch in erster Linie an der Zielsetzung seiner Betreiber. Linux, oder genauer gesagt eine Linux-Distribution, ist eine große Sammlung von Open-Source-Progammen. Das Hauptziel der Entwickler dieser Programme liegt in der Regel nicht darin, Windows vom Desktop zu verdrängen. Auch wenn man in diesen Kreisen sicher keine besondere Wertschätzung für Microsoft aufbringt, spielt dies bei der Herangehensweise an ein Open-Source-Projekt meist keine große Rolle.

Im Vordergrund stehen technische Aspekte und eines der wichtigsten Ziele ist häufig, sich Anerkennung innerhalb der Open-Source-Community zu verschaffen. Dabei geht es meist primär auch nicht darum, möglichst viele andere Entwickler als Anwender zu gewinnen, sondern eher darum, dass der eigene Name in einschlägigen Kreisen bekannt wird. Dies erreicht man nicht unbedingt immer durch einen möglichst hohen Verbreitungsgrad, sondern indem man seine programmiertechnischen Fähigkeiten unter Beweis stellt. Je besser ein Programmierer wird, umso kleiner wird damit auch die eigentliche Zielgruppe, die er ansprechen möchte. Denn er will hauptsächlich bei Entwicklern, die sich auf einem ähnlich hohen Niveau bewegen, wahrgenommen werden.

Ein kommerzielle Zielsetzung ist bei vielen Open-Source-Projekten nicht oder nur kaum vorhanden. Wenn überhaupt, dann die, dass man sich erhofft, aufgrund des errungenen Bekanntheitsgrads Aufträge zu erhalten oder vielleicht auch eine bessere Anstellung zu finden. Der ein oder andere Entwickler mag vielleicht auch darauf spekulieren, direkt ein bisschen Geld zu verdienen, z.B. durch Spenden von seinen Anwendern. Bei einigen Projekten ist auch die Umsatzgenerierung durch Service intendiert. Bei der Erstellung der Software spielen diese kommerziellen Aspekte in der Regel dann aber nur eine untergeordnete Rolle.

Im Gegensatz hierzu besteht bei kommerziellen Projekten das Ziel zunächst darin, Umsatz zu generieren. Die Usability spielt dabei dann natürlich auch eine herausragende Rolle. Denn wer möglichst viele Lizenzen verkaufen will, muss auch einen hohen Wert auf die Benutzbarkeit seines Produktes legen. Aber dies ist nur ein Unterschied von vielen im Vergleich zu Open-Source-Projekten.

Ein weiterer wichtiger Unterschied ist, dass bei einem kommerziellen Projekt die Kostenseite eine ganz wesentliche Rolle spielt. Es geht ja nicht nur darum, möglichst viele Lizenzen an den Mann zu bringen. Das Hauptziel besteht darin, einen, möglichst großen Gewinn zu erzielen. Bei der Projektplanung ist deshalb zunächst zu eruieren, welche Konkurrenzprodukte auf dem Markt sind und zu welchen Preisen sie angeboten werden. Dann ist zu klären, welche Investitionen notwendig sind, um ein konkurrenzfähiges Produkt auf den Markt zu bringen.

Bei einem kommerziellen Projekt spielen also immer betriebswirtschaftliche Aspekte die tragende Rolle. Deshalb haben schon bei der Produkterstellung die Marketieres ein großen Einfluss auf das Projekt. Genau in diesem Unterschied sehen viele Open-Source-Befürworter einen der großen Vorteile von freier Software. Nicht die Gewinnmaximierung steht hier im Vordergrund, sondern nur die Software selbst und damit rein technische Aspekte.

Von Erfolg spricht man deshalb bei einem kommerziellen Projekt immer dann, wenn der erhoffte Gewinn sich einstellt. Bei Open Source muss man den Erfolg auf die Zielsetzung der Projektbetreiber beziehen. Linux ist deshalb ein Erfolg auf dem Desktop, weil alle Entwickler, die es mit ihrer Software in eine der namhaften Distributionen geschafft haben, genau das erreicht haben, was sie wollten. Sie haben sich Anerkennung innerhalb der Open-Source-Community verschafft.

Freilich ist für viele auch einfach nur der Spaß am Programmieren oder der Umstand, Mitglied in einer Community zu sein, ein wichtiger Beweggrund. Die Suche nach Anerkennung dürfte aber für einem Großteil der Open-Source-Entwickler das Hauptziel darstellen.

Es gibt natürlich auch viele in der Open-Source-Community, die sich wünschen dem Microsoft-Monopol ein Ende zu setzen. Viele glauben auch daran, dass dies mit den Mitteln von Open Source zu bewerkstelligen sein wird. Insbesondere die Linux-Distributoren, die ja selbst kommerziell orientiert sind, arbeiten mit großer Anstrengung auf dieses Ziel hin.

Und darin sehe ich den großen Widerspruch. Denn einerseits spielt das Ziel, einen kommerziellen Erfolg zu erzielen, bei den meisten Open-Source-Projekten nur eine untergeordnete Rolle, anderseits wollen diejenigen, die Microsofts Monopol auf dem Desktop angreifen wollen, genau das erreichen. Während IBM, Red Hat, & Co. in die eine Richtung ziehen, zieht die große Mehrheit der Open-Source-Entwickler in eine ganz andere Richtung. Dieses Spannungsverhältnis dürfte wohl einer der wesentlichen Gründe dafür sein, warum Linux auf dem Desktop, entgegen der Erwartungen und Hoffnungen vieler, nach wie vor eine untergeordnete Rolle spielt.

10 Kommentare

  1. Kommentar von Joern am 28.08.04 12:56:

    Die Sache mit den Motiven ist mittlerweile nicht mehr ganz so einfach. Viele wichtige Open Source Programmierer stehen in Diensten von grossen Firmen so wie Linus Torvalds beim OSDL arbeitet, das letztlich von vielen grossen Firmen getragen wird. Wichtige KDEler arbeiten bei SuSE, während Sun viel für Gnome und Open-Office macht.

    Aber gut herausgearbeitet ist, das Open Source meist „Build to work“ und kommerzielle Software „Buil to sell“ ist.

  2. Kommentar von Michael Pietroforte am 28.08.04 14:01:

    Diese Entwicklung gibt es in der Tat seit einiger Zeit. Ich denke aber, dass nach wie vor die große Mehrheit der Open-Source-Entwickler nicht kommerziell motiviert ist.

    Die Tatsache, dass mehr und mehr auch große Unternehmen Open-Source-Entwickler beschäftigen, hat vor allem damit zu tun, dass diese sich dadurch einen größeren Einfluss auf die entsprechenden Projekte versprechen. Sie sind sich wohl auch dieses Widerspruchs bewusst und wollen so den kommerziellen Aspekt zu mehr Bedeutung verhelfen.

    Damit gewinnen dann auch die Marketiers Einfluss auf die Ausrichtung des Projekts. Teilweise äußert sich das dann darin, dass so manches Stück beigesteuertes Software, dann nicht mehr Open Source ist. Nicht auszuschließen ist, dass Linux so in ferner Zunkunft zu einem nicht unerheblichen Anteil zu Closed Source wird und dann Microsofts Desktop-Monopol vielleicht tatsächlich in Gefahr gerät.

  3. Kommentar von Joern am 28.08.04 17:07:

    Ich glaube nicht das Linux irgendwann Closed-Source wird, denn der Vorteil von OSS ist für viele Firmen einfach zu gross. Man schaue sich nur Novell an für die Linux letztlich ein gigantisches Outsourcing bedeutet, denn niemand ausser Novell schreibt heutzutage Treiber für Netware. Wenn Novell mit 7.0 auf den Linux-Kernel umsteigt ist die Unterstützung von aussen wieder da. Auch schon heute ist in einer Netware fast mehr Open-Source (Apache, Tomcat, PHP, Perl, XFree, IceWM) als man glauben möchte und mit dem Kauf von SuSE hat man ein komplettes Desktop-OS dazubekommen. Ich glaube nicht das sie sich den Vorteil, unendgeldlich an der Arbeit anderer Leute zu partizipieren wieder nehmen lassen wollen.

    Auf der anderen Seite muss man auch sehen, das früher einmal das Programmieren eines Betriebssystems eine elitäre Angelegenheit war, die auch entsprechend von anderen Leute bezahlt wurde. Heute kann jedes mittelmäßige Programmierer-Team soetwas auf die Beine stellen, es ist schlicht banal geworden und für soetwas ist es schwer zahlende Kundschaft zu finden.

    Microsoft stellt das gerade fest, denn bei einem Komplett-PC ist die MS-Lizenz mittlerweile ein recht grosser Kostenfaktor geworden und eigentlich niemand will dafür etwas bezahlen. Will MS auch weiterhin das auf jeden neuen PC Windows drauf ist werden sie nicht darum herumkommen es quasi zu verschenken. Ähnlich sieht es mit Office aus, aber ich schweife ab.

    Was passiert wenn ein Open-Source Projekt zu restriktiv wird kann man im Moment wunderbar am XFree-Projekt sehen. Da wurde kurzerhand geforked und das neue Projekt hat alle Chancen das alte in den Schatten zu stellen, an soetwas sieht man sehr deutlich die Vorteile der GPL.

  4. Kommentar von Michael Pietroforte am 28.08.04 20:53:

    Zunächst ein Nachtrag. Mir ging es eigentlich nicht um die Gegenüberstellung von „build to work“ und „build to sell“, sondern um „fame versus fortune“. Eine vergleichbare Diskussion gibt es in einem verwandten Gebiet, nämlich bei der Frage, ob Paid Content eine Chance hat, oder ob weiterhin Free Content das Web dominieren wird.
    http://shirky.com/writings/fame_vs_fortune.html

    Ich glaube auch nicht, dass Linux irgendwann zu Closed Source wird, sondern nur, dass dies für einen nicht unwesentlichen Anteil geschehen könnte. Insbesondere die Bereiche, in denen Usability besonders wichtig ist, wären Kandidaten dafür. Dass viele Unternehmen begeistert davon sind, die Arbeit von Programmieren nutzen zu können, die sie nicht bezahlen müssen, steht außer Frage. Open-Source-Outsourcing ist zweifelsohne noch preisgünstiger als Offshore-Outsourcing.

  5. Kommentar von Henning am 29.08.04 13:20:

    „Man schaue sich nur Novell an für die Linux letztlich ein gigantisches Outsourcing bedeutet, denn niemand ausser Novell schreibt heutzutage Treiber für Netware.“
    Jahresumsatz Red Hat 2003 ca. 90 Mio $, Umsatz Novell 1,1 Mrd. $.
    Leider (und das betrifft wohl auch Novell) sind sämtliche Open Source Unternehmen Umsatzzwerge, vom Gewinn will ich gar nicht erst reden.
    Novell verabschiedet sich jetzt von seinem, sicherlich veralteten, Businessmodell aber ob Linux alleine ausreicht um diesen Tanker wieder auf Kurs zu bringen, bleibt zweifelhaft.
    Unternehmen wie Linspire mit 2 Mio $ Jahresumsatz (das entspricht dem Jahresumsatz meines PC Dantlers um die Ecke) schaffen es ja inzwischen auf die Titelseite der großen Magazine.
    Selbst renommierten Firmen wie Apple brechen still und heimlich die Softwareprodukte weg. Darüber schreibt natürlich fast niemand weil Apple dank iPod und iTunes „In“ ist und die schreibende Zunft sich täglich an Ihrem OS-X ergötzt, während die breite Masse die Apple Plattform schon seit Jahren ignoriert.
    Ich bin selber Linuxnutzer und Linux ist nur so „erfolgreich“ weil eben primär kein kommerzielles Interesse besteht und nur wenige damit Ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen. Der Beweis, daß man mit diesem Geschäftsmodell finanziell langfristig erfolgreich sein kann steht, meiner Meinung nach, immer noch aus.
    Ich bin als Benutzer mit den Fortschritten im Desktopbereich übrigens hochzufrieden. Wenn man die Entwicklung nicht nur dauernd mit Windows vergleicht sondern mit dem Entwicklungsstand von vor 3 Jahren, werden die deutlichen Fortschritte, auch im Usability Bereich, deutlich.
    Dem Wunsch vieler, aus Linux einen Windows Clone zu machen kann schon aus Copyrightgründen nicht entsprochen werden (obwohl es auch da mit xpde einen Ansatz gibt, http://www.xpde.com).

  6. Kommentar von Ingo am 29.08.04 18:49:

    Nicht auszuschließen ist, dass Linux so in ferner „Zunkunft zu einem nicht unerheblichen Anteil zu Closed Source wird und dann Microsofts Desktop-Monopol vielleicht tatsächlich in Gefahr gerät.“

    Michael, ich kann ja verstehen, das das der Wunschtraum von Microsoft wäre. Aber die GPL schützt uns vor solchen Massnahmen. Allerdings die BSD Lizenz ermöglicht solche Wegelagerei. Also setze Dich bitte erst mit den Lizenzen auseinander bevor solche Halbwahrheiten in Umlauf gebracht werden.

  7. Kommentar von Michael Pietroforte am 29.08.04 19:31:

    @Henning
    Meiner Ansicht nach, war dieser Schachzug von Novell genial. Seitdem man sich SUSE einverleibt hat, gilt man als echte Linux-Company und das wird scheinbar von der Open-Source-Community entsprechend honoriert. Zusammen mit dem wirklich mächtigen Verzeichnisdienst, könnte die Firma jetzt wieder zu alter Stärke zurückfinden.

    @Ingo
    Ich verstehe in der Tat nicht viel von GPL. Aber soweit ich weiß, können Linux-Distributoren ihrer Distribution durchaus auch Closed-Source-Software beifügen. War das z.B. nicht so bei YAST?

    Dass dies ein Wunschtraum Microsofts ist, glaube ich eher weniger. Wenn sich nun tatsächlich mehr und mehr eine kommerzfreundliche Grundhaltung im Linux-Umfeld breit macht, sehe ich da eher ein Problem für MS.

  8. Kommentar von Gimp Tutorials Fee am 30.08.04 18:28:

    Tjo, die Armee der Finsternis (M$). kann nur verlieren.
    Da sie vorher nur ganz oben war. Und jetzt ist die richtige Zeit mal wieder weg zu sein.

  9. Trackback von lemming am 28.08.04 16:53:

    Warum sich Linux nicht auf dem Desktop durchsetzt

    Michael Pietroforte schreibt in seinem Weblog die Gründe weshalb Linux bereits jetzt ein Erfolg ist. Dies bezieht sich auf einen Beitrag von Wolfgang Miedl der der Meinung war, das Linux am Desktop scheitert. Ich wollte dies eigentlich als Kommentar au…

  10. Trackback von _notizen aus der provinz am 29.08.04 16:36:

    Ist Open Source auf dem Desktop ein „Erfolg“?

    Zumindest behauptet das Michael Pietroforte bei CyDome in seiner Entgegnung auf seinen Kollegen Miedl, der mein Maulen ueber Usability-Probleme bei Open-Source aufgenommen hatte. Er tut das klug und trickreich ueber die semantische Analyse des Begriffs…