Microsoft 2002: We do not believe in "Naming"...

Nachdem Wolfgang Sommergut bereits über Googles neues "Browse by Name" berichtet hat, lohnt es sich, mal wieder die endlose Geschichte der "Keywords" zu rekapitulieren.
Vor allem vor dem Hintergrund eines 2 Jahre zurückliegenden Strategieschwenks von Microsoft ist dieser neue Schachzug von Google bemerkenswert. MS und Netscape boten (von vielen unbemerkt) zwischen 1998 und 2002 die Navigation per Schlüsselwörter in der Adressleiste an. MS hatte sich dafür sogar mit mit 20% (!) bei Realnames eingekauft, ist dann dann aber 2002 plötzlich ausgestiegen.

Die Gründe dafür schildert der verbitterte Realnames-CE0 Keith Teare hier. MS hätte angeblich 200 Mio. Dollar innerhalb von 5 Jahren verdienen können, habe aber aus machtpolitischem Kalkül einen Rückzieher gemacht, den MSN damals wie folgt begründete:

"We do not believe in "Naming", we believe in search. This is because we control search 100% whereas we could never control naming. Some of us believe search results are a better experience than navigation through naming. Sure the URL and the DNS are broken, but to fix it is a big job with no clear reward for Microsoft".

Ich vermute, dass Microsoft auch noch andere Ängste umgetrieben und zum Verzicht auf Realnames bewogen haben. Denn wie man am seit über 10 Jahren anhaltenden Theater um das DNS sieht, spielen hier zu viele Interessen und Begehrlichkeiten herein, als dass ein Unternehmen sich diesen Schuh anziehen wollte. Eine Ablösung des DNS durch Keywords hätten die Browsergiganten ja durchaus in der Hand gehabt, wie bereits 1998 der Cyberlaw-Experte Jonathan Zittrain in Wired darlegte:

With a simple browser upgrade, Netscape and Microsoft are poised to absorb the most valuable part of the current domain name system into privately run directories. If the browser giants succeed, the struggle to fairly distribute and administer names will be moot, and today's domain name jewels will be tomorrow's glass marbles.

Andererseits hätten beide Firmen wohl nicht viel Freude damit gehabt:

Proprietary keyword systems will confront many of the same problems that have plagued domain names: They won't by themselves settle trademark disputes, nor will they alleviate the scarcity of name space. Keyword databases could become a new source of power, but in return, browser makers will become the focus of debates over resource allocation, dispute resolution, and adherence to intellectual-property laws.

Interessant ist, dass ja auch Google einst mit Realnames liebäugelte. Die Verlockung an dieser Konstellation wäre gewesen, die Navigation von der Adressleiste in die Google-Suchmaske zu verlagern: Jeder Suchanfrage würde zuoberst die auf den (Marken-)Namen registrierte Site anzeigen - was dann aber mindestens so anrüchig gewesen wäre wie Keyword-Advertising.

Stattdessen schleicht sich Google nun Schritt für Schritt von der Webmaske in Richtung Adressleiste. Nach der Toolbar, die ja nicht mehr nur ein Web-Formlar, sondern ein Teil des Browsers ist, hinterlegt man nun die Adressleiste (auf leisen Sohlen, "wollen sie wirklich...") mit der Browse-by-Name-Funktion.

Dieser Zug ist nicht dumm: Bei möglichen namensrechlichen Disputen wäscht Google wahrscheinlich seine Hände in Unschuld, weil die Schlüsselwörter ja keine feste Verlinkung mit einem zahlenden Namens-/Markeninhaber besitzen (was ja bei der Realnames-Datenbank der Fall war). Fragt sich nur, wie Microsoft reagieren wird: Google-Funktion blocken und stattdessen die gleiche Funktion fest mit MSN verdrahten...?

Verfasst von: Wolfgang Miedl am 16.07.04, 16:33
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