E-Mail und der Mythos von den erfolgreichen Worcaholics
Interessante Überlegungen zur permanenten Erreichbarkeit durch E-Mail und Handy hat Thomas Klau in der Financial Times angestellt. In Großbritannien formiere sich auf breiter Front ein Widerstand gegen das Leitbild des "durchgehend ackernden Leistungsträgers", der 20 Stunden am Tag erreichbar sei. Dabei sei aber auch ein Zusammenhang mit der positiven Beschäftigungssituation auf der Insel zu berücksichtigen - für uns Deutsche also wenig Anlass zur Hoffnung...
Irgendwie arbeiten wir alle daran, auch noch im hinterletzten Winkel der Erde "connected" zu sein und auf E-Mail und Web zugreifen zu können. Immer mehr Menschen bekommen dadurch aber das Problem, dass sie praktisch keine freie Minute mehr haben - zukünftig nicht mal mehr im Flugzeug. Wobei der Kern des Problem, wie es auch Klau darstellt, weniger in der tatsächlichen Überlastung durch die Mailflut, als vielmehr im Leitbild des ständig verfügbaren Elitemanagers zu suchen ist.
Klau wirft die Frage auf, wie es im 19. Jahrhundert einem Premierminister gelingen konnte, ein Weltreich zu regieren, zur Jagd zu gehen, in Salons zu plaudern und Auszeiten auf dem Landsitz zu nehmen. Interessant ist auch die Anmerkung, dass Jean Monnet, der Erfinder der EU, seine Ideen offenbar auf ausgedehnten Waldspaziergängen hatte und oft erst spät vormittags im Büro erschien.
Eigentlich ein interessanter Hinweis auf gerne übersehene oder weithin vergessene "Tugenden": Kontemplation und (Nach)-Denken mögen zwar ziemlich abseits des herrschenden Zeitgeists liegen, können aber unter Umständen weitaus mehr Erfolg hervorbringen als blinde Arbeitswut.
Was wiederum die Frage aufwirft, wie viele von denen, die aus sozialen Prestigegründen lange arbeiten, wirklich arbeiten: Klau spricht aus eigener Erfahrung: Oft sind es tausende von E-Mails, die einen zwar beschäftigen, aber zum großen Teil nicht unbedingt sinnvoll.
So spannend diese Debatte ist - sie dürfte hierzulande angesichts des wirtschaftlichen Klimas kaum großen Anklang finden, weil hier in nächster Zeit erst mal über das "Wieviel" der verlängerten Arbeitszeiten diskutiert wird. Ich könnte mir höchstens vorstellen, das Thema über den Aspekt "Produktivitätsverlust durch Mail-Flut" auf die Tagesordnung zu bringen. Die Ironie daran ist, dass uns die IT-Industrie eigentlich eine höhere Produktivität durch allgegenwärtige E-Mail-Erreichbarkeit verspricht. In Wahrheit ist es wohl wie in der Medizin: Die Dosis macht das Gift...
Nein. Ich halte es mit Klau. Vom viel Arbeiten ist noch keiner reich geworden und die Verfügbarkeit bringt weder dem einen noch dem anderen einen echten Vorteil.
Der eine wird verführt überhastet, Ideen in Tat & Auftrag münden zu lassen und der andere setzt sich an eine Flut von Beschäftigungstherapien. Am Ende fehlt es beiden am Kapital und Kraft, die bessren Projekte zu realisieren.
Schnelligkeit ist immer nur bedingt ein Qualitätsmerkmal.
Verfügbarkeit auf Fingerschnippen eine freiwillige Selbstversklavung, der Return wohl kaum im Interesse derer ist. Denn was nützt der schönste Verdienst, wenn man ihn nicht genießen kann.
Verfasst von: Silke Schümann am 13.08.04, 14:13

